Innere Stadt: Strategieplan für den Gestaltungsspielraum im Welterbe-Zentrum

Wien (OTS) – Die zunehmende Zahl an Hitzetagen und Tropennächten
macht europaweit
Anpassungen an die klimatischen Bedingungen in Städten notwendig.
Wien arbeitet seit Jahren in allen Bezirken sehr intensiv an der
klimafitten Gestaltung des öffentlichen Raums. Eine Besonderheit
stellt der erste Bezirk mit seinen 287 ha Fläche dar: Durch die
unterschiedlichen Nutzungen und den Status als Weltkulturerbe sind
die Herausforderungen dort besonders komplex: Im ältesten Stadtteil
Wiens wohnen aktuell 16.000 Menschen. In der Weihnachtszeit kommen
mit knapp 80.000 Besucher*innen am Tag 5-mal so viele Menschen in den
Ersten als dieser Einwohner*innen hat. Kein anderer Wiener Bezirk
muss auf so engem Raum so viele Tourist*innen fassen. Mit 125.000
Beschäftigten hat der 1. Bezirk die meisten Arbeitsplätze aller
Bezirke in der Stadt. Für diese Menge an Menschen mit ihren
unterschiedlichen Ansprüchen an den öffentlichen Raum braucht es
attraktive Aufenthaltsräume und entsprechende Lenkungsmaßnahmen. Die
Stadt arbeitet mit dem Bezirk seit längerem intensiv an
zukunftsfitten Strategien für eine Weiterentwicklung. Unter
Mitwirkung von über 30 unterschiedlichen Interessensvertretungen und
Expert*innen von der Wirtschaft über Architektur, Denkmalschutz bis
zum Tourismus hat die Stadt Wien nun gemeinsam auf Basis von Wünschen
der Bewohner*innen eine Grundlage geschaffen: Der neue „Strategieplan
für den öffentlichen Raum Innere Stadt“ ermöglicht auf der einen
Seite eine klimafitte Weiterentwicklung des Bezirks im Herzen der
Stadt und zum anderen den Schutz des Weltkulturerbes, bestehend aus
historischen Gebäuden aus den Epochen Barock, Mittelalter und
Gründerzeit. Der Strategieplan soll in der nächsten Sitzung der
Stadtentwicklungskommission behandelt werden.

Planungsbaukasten zur klimafitten Weiterentwicklung der Inneren Stadt

Das Ergebnis einer wahrlich umfangreichen und intensiven Analyse
ist ein spezieller Planungs-Baukasten zur zukunftsfitten
Weiterentwicklung des öffentlichen Raums der Inneren Stadt. Der
Baukasten bietet individuelle Empfehlungen zu Begrünung, Beschattung,
Kühlung, Bodenbelägen und Stadtmöblierung für Straßenzüge und Plätze
je nach Beschaffenheit.
Im Mittelpunkt des Konzepts stehen drei wesentliche Schritte:
Verstehen, Begründen und Handeln.
Beim ersten Punkt, dem Verstehen , hilft ein sogenanntes
Spiderdiagramm, die besonderen Eigenschaften eines Ortes sichtbar zu
machen. Es zeigt auf einen Blick, welche Themen an einem bestimmten
Ort wichtig sind, und schafft damit eine Grundlage für die weitere
Diskussion und Planung.
Das Begründen erfolgt mit den sogenannten Epochen-Bausteinen. Sie
machen die Geschichte der Inneren Stadt für die heutige Planung
nutzbar und zeigen, welche historischen Entwicklungen einen Ort
geprägt haben – von der Römerzeit über Mittelalter, Barock und
Gründerzeit bis zum 20. und 21. Jahrhundert.
Beim Handeln schließlich unterstützen Gestaltungsmatrizen die
konkrete Planung. Sie geben Empfehlungen dafür, welche Elemente wie
Begrünung, Pflaster, Wasser oder Ausstattung an unterschiedlichen
Arten von Straßen und Plätzen geeignet sind. Die Matrizen dienen
dabei als Orientierung und können an die jeweiligen Bedingungen vor
Ort angepasst werden.

„Wir haben nun ein Baukastensystem, das auf die besonderen
Gegebenheiten im ersten Bezirk Rücksicht nimmt, sehr behutsam auf die
verschiedenen Interessen und Ansprüche eingeht. Das mit so vielen
unterschiedlichen Expertinnen und Experten sowie auf Grundlage der
Wünsche der BewohnerInnen entwickelte Strategiepapier wird uns dabei
unterstützen, diese unterschiedlichen Ansprüche unter einen Hut zu
bringen und die Innere Stadt behutsam und klimafit
weiterzuentwickeln“, so Planungsstadträtin Ulli Sima , die sich bei
allen Beteiligten für ihr Engagement bedankt.

Zentraler Bestandteil bei der Entwicklung des Strategieplans war auch
eine Bürger*innenbefragung . Über 1.000 Bewohner und Bewohnerinnen
der Inneren Stadt haben ihre Ideen mittels Online-Befragung
mitgeteilt. Gewünscht wurde u.a. Attraktivierung des öffentlichen
Raums durch Begrünung und Kühlung, die Lenkung der Touristenströme,
historische Parks klimaresilient weiterzuentwickeln und die besondere
Historie des 1. Bezirks erlebbar machen.

Markus Figl, Bezirksvorsteher des Ersten Bezirks meint dazu: „Als
Bezirksvorsteher der Inneren Stadt war mir wichtig, dass auch die
Stimmen derer, die tagtäglich hier leben, in den Prozess eingeflossen
sind. Mit dem vorliegenden Papier gibt es jetzt einen
Handlungsleitfaden, der Magistrat und Investoren Sicherheit und
Berechenbarkeit gibt, der aber auch das tägliche Leben all jener, die
hier wohnen und arbeiten berücksichtigt. Nicht zuletzt wird damit
auch klargestellt, dass die Anforderungen an das UNESCO Welterbe
„historisches Zentrum von Wien“ zu berücksichtigen sind.“

NEOS-Klubobfrau Selma Arapović : „Mit dem neuen Strategieplan
haben wir ein gutes Werkzeug, um die Innere Stadt fit für die Folgen
des Klimawandels zu machen und gleichzeitig ihr einzigartiges
städtebauliches und architektonisches Erbe zu bewahren. Mehr Grün,
mehr Schatten und mehr Aufenthaltsqualität müssen kein Widerspruch
zum Schutz des Welterbes sein – gute Stadtplanung bringt beides
zusammen.“

Franz Kobermaier, Abteilungsleiter MA 19 , die federführend an der
Entwicklung des Strategieplans gearbeitet hat, bedankt sich für die
gute Zusammenarbeit und die konstruktiven Beiträge aller Beteiligten:
„Die Innere Stadt lebt von ihrer besonderen historischen Identität
und ihrer Bedeutung als Weltkulturerbe. Unsere Aufgabe ist es, ihre
Freiräume behutsam weiterzuentwickeln, Qualitäten zurückzugewinnen
und gleichzeitig Antworten auf die Herausforderungen des Klimawandels
und veränderte Nutzungsansprüche zu geben. Dabei geht es auch darum,
den öffentlichen Raum gestalterisch zu ordnen und seine besonderen
historischen und räumlichen Qualitäten wieder stärker erlebbar zu
machen.“

Kunsthistoriker Univ.-Prof. Harald Stühlinger

Der Strategieplan umfasst erstmals alle Personen, die mit dem 1.
Bezirk zu tun haben vor allem auch mit der großen Gruppe der Tourist*
innen, betont Wien Tourismus-Chef Norbert Kettner : „Die Innere Stadt
ist Wohnraum, Arbeitsplatz, Kulturzentrum und Visitenkarte Wiens
zugleich. Umso wichtiger ist es, ihre Weiterentwicklung gemeinsam zu
gestalten. Der Strategieplan schafft eine fachlich fundierte
Grundlage, um historische Identität, Aufenthaltsqualität,
Klimaanpassung und die unterschiedlichen Anforderungen an den
öffentlichen Raum in Einklang zu bringen. Davon profitieren Wiener*
innen ebenso wie die Gäste unserer Stadt.“

Das Architekt*innen-Duo Thomas Hoppe und Renate Bornberg

„Eine gesteigerte Aufenthaltsqualität kommt nicht nur den
Bewohnerinnen und Bewohnern der Inneren Stadt zugute, sie belebt auch
die lokale Wirtschaft. Die City ist ein besonderer Ort: Wohnort,
Arbeitsplatz, das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum unserer
Stadt. Umso wichtiger ist es, die Interessen aller Gruppen zu
berücksichtigen. Eine kühlere und attraktivere Innenstadt, in der
auch die Bedürfnisse der Wirtschaftstreibenden berücksichtigt werden,
ist in unser aller Interesse“, sagt Wirtschaftskammer Wien-
Präsidentin Margarete Kriz-Zwittkovits.

Für die Erstellerin der Gesamtstudie, Landschaftsplanerin Martina
Jauschneg war die Geschichte der Inneren Stadt zentraler
Ausgangspunkt für das Strategiepapier: „Verstehen, begründen, handeln
– das war unser Grundsatz bei der Erarbeitung des Strategieplans. Wir
haben genau hingeschaut, wie die Innere Stadt über Jahrhunderte
entstanden ist und was ihre Straßen und Plätze besonders macht.
Dieses Wissen soll helfen, gute Lösungen für die Zukunft zu
entwickeln: mehr Grün und Schatten, mehr Platz zum Gehen und
Verweilen und gleichzeitig ein sorgsamer Umgang mit dem historischen
Erbe. Dabei geht es nicht darum, die Vergangenheit zu kopieren,
sondern aus ihr heraus gute Lösungen für die Stadt von morgen zu
entwickeln.“

Das Strategiepapier steht am 13. Oktober auf der Tagesordnung der
Stadtentwicklungskommission.