„Homo Universus“: Matthias Strolz fragt im Parlament nach der Zukunft des Menschseins

Wien (PK) – Wie kann menschliche Entwicklung mit dem technologischen
Fortschritt
Schritt halten? Dieser Frage widmete sich gestern Abend eine
Buchpräsentation im Parlament. Auf Einladung von
Nationalratspräsident Walter Rosenkranz, Bundesratspräsidentin
Christine Schwarz-Fuchs und der Österreichisch-Liechtensteinischen
Gesellschaft (OELI) stellte der ehemalige Nationalratsabgeordnete und
Präsident der Gesellschaft, Matthias Strolz, sein Buch „Homo
Universus – Unser Menschsein neu entdecken und leben“ vor. Im
Gespräch mit Pia-Maria von und zu Liechtenstein, Ehrenpräsidentin der
OELI, plädierte Strolz für eine „zweite Aufklärung“. Neben dem
Verstand müssten auch Gefühl, Intuition und die Verbundenheit mit
anderen Menschen und der Natur stärker zum Tragen kommen. Daraus
leitete er auch die Forderung nach einer Bildung ab, die über die
Förderung kognitiver Fähigkeiten hinausgeht.

Schwarz-Fuchs betonte, dass technischer Fortschritt allein keinen
gesellschaftlichen Fortschritt garantiere und künstliche Intelligenz
dem Menschen die ethische Verantwortung nicht abnehmen könne.
Demokratie brauche die Bereitschaft, zuzuhören, andere Meinungen
auszuhalten und Kompromisse einzugehen. Rosenkranz griff die Frage
auf, wie sich Idealismus im politischen Alltag bewahren lasse. Mit
Blick auf künstliche Intelligenz regte er zudem eine
Auseinandersetzung mit Europas Stärken in Bildung, Geschichte und
kulturellen Traditionen an.

Schwarz-Fuchs: Technische Entwicklung alleine garantiert keinen
gesellschaftlichen Fortschritt

Die Frage nach der Weiterentwicklung des Menschen angesichts
„gewaltiger Veränderungen“ klinge zunächst philosophisch und sehr
persönlich, sei aber auch eine „zutiefst gesellschaftliche und
politische“, erklärte Bundesratspräsidentin Christine Schwarz-Fuchs
in ihren Eröffnungsworten. Demokratie funktioniere nicht allein durch
Verfassungen und Institutionen, sondern lebe von der Bereitschaft der
Menschen, zuzuhören, andere Meinungen auszuhalten, Kompromisse
einzugehen und Verantwortung zu übernehmen. Strolz beschreibe in
seinem Buch eine grundlegende Spannung der Gegenwart: Die technische
Macht des Menschen sei schneller gewachsen als seine innere Reife.

Angesichts zunehmender Polarisierung und der Veränderungen von
Kommunikation und Meinungsbildung durch künstliche Intelligenz
berührten diese Fragen laut Schwarz-Fuchs das „Fundament der
demokratischen Ordnung“. Die Qualität einer Demokratie entscheide
sich auch daran, ob Menschen zwischen politischen Gegnern und
persönlichen Feinden unterscheiden, eigene Positionen hinterfragen
und trotz aller Gegensätze ein gemeinsames Verantwortungsgefühl
bewahren könnten. Technischer Fortschritt allein garantiere noch
keinen gesellschaftlichen Fortschritt. Künstliche Intelligenz könne
Wissen bereitstellen und Entscheidungen vorbereiten, dem Menschen
aber die ethische Verantwortung dafür nicht abnehmen, so Schwarz-
Fuchs.

Strolz plädiert für eine „zweite Aufklärung“ und einen
ganzheitlichen Blick auf den Menschen

Von Pia-Maria von und zu Liechtenstein nach der in seinem Buch
gestellten Forderung nach einer „zweiten Aufklärung“ gefragt, verwies
Matthias Strolz auf die weltpolitische Lage, wo laut ihm der
„Wahnsinn“ tobe. Die „multiple Krise“ sei Zeichen dafür, dass sich
„ein Zyklus schließt“: Aufklärung, Wissenschaft und Vernunft hätten
große Errungenschaften gezeitigt, die es auch zu bewahren gelte. Doch
Konzentration auf das Denken alleine stoße zunehmend an seine
Grenzen, zumal künstliche Intelligenz den Menschen gerade in dieser
lange als wesensbestimmend betrachteten Fähigkeit überhole. Mit
seinem Modell des „Homo Universus“ beschreibe er einen in die
Ganzheit gewendeten Menschen, der neben dem Verstand auch Gefühl und
Intuition einbeziehe und sich wieder als Teil der Natur begreife. Als
Beispiele für andere Perspektiven auf das Menschsein nannte Strolz
die afrikanische Ubuntu-Philosophie, die die Gemeinschaft ins Zentrum
stelle, und auf die in indischen Denkschulen wurzelnde Haltung der
Verbundenheit, die er auch im politischen Wirken Mahatma Gandhis
verortete.

Diese Überlegungen müssten sich auch im Bildungsbereich
niederschlagen, so Strolz. Wenn man am Wohlergehen junger Menschen
interessiert sei, müsse Schule über die Förderung kognitiver
Fähigkeiten hinausgehen. Welche Kompetenzen 2040 gebraucht würden,
sei nicht genau absehbar. Resilienz, Kooperation und die Fähigkeit,
Verantwortung zu übernehmen, seien aber wichtige Ansatzpunkte. Die
Bildungspolitik sei strategisch untersteuert und operativ
übersteuert: Während sie im Kleinen in die Schulen hineinregiere,
fehlten große Weichenstellungen. Andere Länder zeigten mit Unterricht
zu Empathie und Achtsamkeit mögliche Wege auf.

Auf die Frage, was angesichts der Fähigkeiten künstlicher
Intelligenz dem Menschen bleibe, beschrieb Strolz diesen nicht nur
als kognitives, sondern auch emotionales, körperliches, spirituelles
und moralisches Wesen. Gerade angesichts der wachsenden technischen
Möglichkeiten gewinne die moralische Dimension an Bedeutung: Nicht
alles, was der Mensch könne, solle er auch tun. Dafür brauche es
Regelwerke. Dass Menschen solche Grenzen gemeinsam setzen könnten,
zeige etwa die langjährige internationale Vereinbarung, die Antarktis
nicht zu militarisieren. Man müsse dafür nicht erst Katastrophen
abwarten.

Die Entwicklung zu größerer menschlicher Reife müsse auf allen
Ebenen stattfinden, betonte Strolz. Niemand sei bloß Zuschauer, alle
seien Akteure. Rückblickend auf seine parlamentarische Tätigkeit
erklärte er, damals stark in Vorstellungen des politischen Kampfes
verhaftet gewesen zu sein. In der Politik brauche es auch eine
stärkere Orientierung an Beziehungen und am eigenen Inneren. In der
anschließenden Publikumsrunde wandte er sich zudem dagegen, die
Verantwortung für gesellschaftliche Zustände allein der Politik
zuzuschreiben. Auch die Wählerinnen und Wähler hätten daran Anteil.
Vielen politisch Tätigen sei zuzugestehen, dass sie aus Idealismus
begonnen hätten. Diesen gelte es ebenso zu stärken wie den
Zusammenschluss von Menschen, die Veränderungen anstoßen wollten, so
Strolz.

Rosenkranz über Idealismus in der Politik und Bildung im
Zeitalter der KI

Nationalratspräsident Walter Rosenkranz griff in seinen
Abschlussworten die Frage auf, wie sich Idealismus im politischen
Alltag bewahren lasse. Als Politiker „mit einem gewissen Ego“ müsse
man sich auch fragen, inwieweit man dem eigenen Idealismus selbst im
Wege stehe. Um ihn zu erhalten, regte er an, sich weniger mit
externen Beratern zu umgeben. Mit Strolz kehre zudem nicht der
einzige ehemaliger Klubobmann als Autor ins Parlament zurück.
Rosenkranz verwies in diesem Zusammenhang auch auf die
Buchpräsentationen seiner Amtsvorgänger Heinz Fischer und Andreas
Khol sowie auf die Parlamentsbibliothek als Ort für die Bücher
ehemaliger Abgeordneter.

Die Einschätzung von Strolz, die Menschheit stehe an einem
kritischen Punkt ihrer Geschichte, verband Rosenkranz mit einer
Erinnerung an Elise Richter, die Namensgeberin des
Veranstaltungssaals. Die aus einer jüdischen Familie stammende
Romanistin habe sich den Zugang zu Matura und Universitätsstudium
erarbeitet und sei zur ersten außerordentlichen
Universitätsprofessorin Österreichs geworden. Nach dem sogenannten
Anschluss 1938 sei sie von den Nationalsozialisten verfolgt, aus dem
universitären Leben ausgeschlossen und gemeinsam mit ihrer Schwester
Helene nach Theresienstadt deportiert worden, wo sie 1943 ums Leben
gekommen sei. Ihr Schicksal nahm Rosenkranz zum Anlass, auch
angesichts gegenwärtiger Entwicklungen nach dem menschlichen
Fortschritt zu fragen.

Zum Thema Bildung im Zeitalter künstlicher Intelligenz berichtete
Rosenkranz von einem Gespräch mit einem österreichischen Philosophen,
der KI-Entwickler berate. Dieser habe Europa empfohlen, seine Stärken
in Bildung, Geschichte und authentischen kulturellen Traditionen zu
pflegen. Zu denken gegeben habe ihm dessen Schilderung, wonach die
Kinder von Tech-Unternehmern Privatschulen besuchten, dort unter
anderem Latein, Mathematik und Naturwissenschaften lernten und erst
mit 14 oder 15 Jahren eigene digitale Geräte erhielten. Dies stellte
Rosenkranz den bildungspolitischen Vorhaben gegenüber, kostenlose
Tablets bereitzustellen und Latein zurückzudrängen. (Schluss) wit

HINWEIS: Fotos von dieser Buchpräsentation finden Sie im
Webportal des Parlaments .