Hagenberg, Wien (OTS) – Wie wird aus Vertrauen in künstliche
Intelligenz überprüfbare
Sicherheit? Michael Weberberger, Geschäftsführer des KI-
Dienstleisters TRUSTIFAI , dem Joint Venture von TÜV AUSTRIA und
Software Competence Center Hagenberg , formuliert sieben Thesen zum
aktuellen AI-Safety-Diskurs und plädiert für den Schritt von
Governance und Compliance hin zu messbarer, wissenschaftlich
fundierter AI Assurance.
AI Safety ist im Mainstream angekommen. Was vor wenigen Jahren
noch als Spezialthema für Forschungsteams galt, ist heute eine
strategische Frage für Unternehmen, Technologieanbieter, Kunden,
Investoren und Regulatoren.
Die Debatten rund um die großen AI Labs zeigen: Je
leistungsfähiger KI-Systeme werden, desto wichtiger wird die Frage,
wie sich ihre Risiken systematisch erkennen, testen und beherrschen
lassen.
Die Reaktionen darauf sind vielfältig. Technologieanbieter
fordern mehr Oversight, Regulatoren schaffen neue Kontrollmechanismen
und Unternehmen beschäftigen sich intensiver mit AI Governance und
Assurance. Gleichzeitig droht die Debatte zwischen zwei Polen stecken
zu bleiben: hier die Warnung vor immer größeren Risiken, dort die
Sorge, Regulierung könnte Innovation bremsen.
Es ist Zeit, die Debatte anders zu führen.
Zwtl.: 1. AI Safety beginnt nicht erst an der technologischen Grenze
Die spektakulärsten Beispiele der aktuellen Safety-Debatte kommen
von großen AI Labs. Doch wer daraus ein Spezialproblem der
technologischen Spitzenforschung macht, greift zu kurz. AI Safety
betrifft längst jedes Unternehmen, das KI einsetzt, egal ob es
Modelle für spezifische Aufgaben optimiert, RAG-Systeme einsetzt,
Agenten mit Tools verbindet oder KI in operative Prozesse integriert.
AI Safety beginnt, sobald Modelle in KI-Systemen mit der realen Welt
verbunden werden: mit Kundendaten, Produktionssystemen,
Bestellprozessen, oder interner Software, mit anderen Tools oder mit
Produktionsmaschinen und Robotik. Gerade leistungsfähigere Modelle
werden zunehmend mit solchen Zugriffsmöglichkeiten ausgestattet und
erhalten damit mehr Handlungsspielraum.
Es braucht also weder AGI noch Superintelligence für die Relevanz
von AI Safety. Denn das tatsächliche Risiko wächst nicht primär mit
der Leistungsfähigkeit eines Modells, sondern mit den Möglichkeiten,
die einem System gegeben werden, auf seine Umwelt einzuwirken. Die AI
-Safety-Debatte konzentriert sich derzeit stark auf Governance,
Oversight und Frontier-Risiken. Für Unternehmen stellt sich jedoch
eine praktischere Frage: Welche Risiken gehe ich im Unternehmen ein?
Wie lässt sich die Sicherheit meines eigenen Einsatzes von KI-
Systemen nachweisen?
AI Safety beginnt deshalb nicht an der vordersten technologischen
Grenze. Sie beginnt dort, wo KI Entscheidungen beeinflusst oder
Handlungen auslöst.
Zwtl.: 2. Nicht das Modell allein ist das Risiko, sondern das System
Die Safety-Debatte richtet ihren Blick häufig auf das KI-Modell.
In der Unternehmenspraxis entsteht das tatsächliche Risikoprofil
jedoch erst durch das Zusammenspiel des gesamten Systems: Modelle,
System Prompts, Datenquellen, RAG-Komponenten, APIs, Tools,
Berechtigungen, Policies, Softwarelogik und der konkrete
Anwendungskontext.
Das bedeutet: Das Modell kann unverändert bleiben, während sich
das Risiko des Gesamtsystems erheblich verändert.
Wer AI Safety ernst nimmt, darf deshalb nicht nur Modelle
evaluieren. Entscheidend ist die Evaluation des gesamten AI Systems.
Zwtl.: 3. Mehr Oversight bedeutet nicht automatisch mehr Sicherheit
Leistungsfähige KI braucht unabhängige Kontrolle. Doch eine
Gleichung greift zu kurz: mehr Kontrolle gleich mehr Sicherheit.
Wenn Oversight hauptsächlich aus Dokumentation, Checklisten und
formalen Freigaben besteht, kann ein System auf dem Papier bestens
abgesichert erscheinen und technisch dennoch Schwächen aufweisen.
Zum anderen stößt auch menschliche Fähigkeit zur Wahrnehmung der
Aufsicht schnell an Grenzen. Wenn KI-Systeme tausende oder Millionen
Entscheidungen, Empfehlungen oder Aktionen erzeugen, lassen sich
diese nicht wirksam einzeln überprüfen. Mit zunehmender
Automatisierung wächst zudem das Risiko der Overconfidence und des
Automation Bias: Menschen neigen dazu, automatisierten Ergebnissen zu
vertrauen und sie seltener kritisch zu hinterfragen – gerade dann,
wenn das System überwiegend zuverlässig erscheint.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob Kontrolle
stattfindet, sondern wie wirksam sie ist und welche Evidenz daraus
entsteht.
AI Safety darf nicht zum Sicherheitstheater werden. Sie braucht
statistische Methoden, technische Prüfungen und wissenschaftlich
belastbare Nachweise.
Zwtl.: 4. Compliance schafft Pflichterfüllung. Assurance schafft
Gewissheit für die eigene Entscheidung
Regulierung schafft Regeln, Rollen, Verantwortlichkeiten und
Mindestanforderungen. Das ist notwendig. Doch Compliance beantwortet
in erster Linie eine Frage: Werden die vorgeschriebenen Anforderungen
erfüllt?
Assurance stellt eine anspruchsvollere Frage: Lässt sich
belastbar nachweisen, dass ein System auch unter realen Bedingungen
zuverlässig, sicher und beherrschbar funktioniert?
Dafür braucht es Tests, Messungen, technische Evaluierungen und
nachvollziehbare Evidenz. Gerade wenn nur wenige Testbeispiele zur
Verfügung stehen, ist entscheidend, die statistische Aussagekraft der
Ergebnisse zu berücksichtigen, bevor daraus belastbare Aussagen über
das System abgeleitet werden.
Vertrauenswürdige KI entsteht nicht durch Versprechen. Sie
entsteht durch die korrekte Integration von statistischen Tests und
deren Signifikanz, also durch wissenschaftlich berechenbare,
belastbare Nachweise.
Zwtl.: 5. KI lässt sich nicht einmal prüfen und dann abhaken
Klassische Prüfmodelle sind häufig auf relativ stabile Systeme
ausgerichtet. KI-Systeme sind selten deterministisch und vor allem
hochgradig dynamisch: Modelle ändern sich, Prompts werden angepasst,
Datenquellen wachsen, APIs kommen hinzu, Agenten erhalten neue Tools
und Geschäftsprozesse entwickeln sich weiter.
Ein Assessment ist daher immer eine Momentaufnahme eines
konkreten Systemzustands. Ein einzelnes Assessment ist deshalb immer
eine Momentaufnahme eines konkreten Systemzustands und
Anwendungskontexts. AI Assurance ist daher kein einmaliger Prüfakt,
sondern ein kontinuierlicher Prozess, der relevante Veränderungen
erkennen und neu bewerten muss.
Die Konsequenz: AI Assurance muss kontinuierlich gedacht werden.
Dazu können Re-Testing, automatisiertes Monitoring, Change
Detection und stärker eingebettete Formen unabhängiger Evaluation
gehören. Nicht jede kleine Änderung verlangt eine neue
Zertifizierung. Entscheidend ist, erkennen und beurteilen zu können,
wann sich das Risikoprofil wesentlich verändert.
Zwtl.: 6. KI wird KI prüfen. Doch wer prüft den Prüfer?
Mit der Skalierung von KI stößt rein menschliche Überwachung
schnell an Grenzen. Millionen automatisierter Entscheidungen,
Agentenaktionen oder Modellinteraktionen lassen sich nicht manuell
kontrollieren. Technische Monitoring-Systeme und KI werden daher
selbst einen wesentlichen Teil der Überwachung übernehmen.
Damit entsteht allerdings eine zweite Ebene der Vertrauensfrage:
Wie zuverlässig ist das System, das die KI kontrolliert?
Ein Monitoring-System, dessen Leistungsfähigkeit statistisch
nicht zu verstehen ist, schafft lediglich eine weitere
Unsicherheitsebene.
Es braucht deshalb messbare Fehlerraten und belastbare Aussagen
darüber, welche Risiken mit welcher Zuverlässigkeit erkannt oder
übersehen werden. Sonst wird eine Black Box nur durch die nächste
ersetzt.
Zwtl.: 7. Sicherheit darf nicht zum Privileg großer Unternehmen
werden
Eine berechtigte Sorge im aktuellen Diskurs lautet: Was passiert,
wenn immer komplexere Safety- und Compliance-Anforderungen selbst zur
Markteintrittsbarriere werden? Wenn nur große Unternehmen die dafür
notwendigen Strukturen finanzieren können, wäre für sichere und
innovative KI wenig gewonnen.
Zwtl.: Gute AI Assurance muss deshalb verhältnismäßig sein:
risikobasiert, capability-basiert und anwendungsnah.
Ein internes Assistenzsystem braucht eine andere Prüftiefe als
ein autonomer Agent mit Zugriff auf kritische Systeme.
Das Ziel kann daher nicht maximale technische Bürokratie sein.
Das Ziel muss maximale Aussagekraft über reale Risiken sein.
Zwtl.: Was folgt daraus?
Der aktuelle AI-Safety-Diskurs ist wichtig, sollte jedoch nicht
auf die Frage reduziert werden, ob es mehr oder weniger Regulierung
braucht.
Die entscheidende Frage lautet: Was macht Sicherheit überprüfbar?
Genau dort liegt die nächste Entwicklungsstufe: von Governance zu
Evidenz, von Compliance zu Assurance, von punktuellen Prüfungen zu
kontinuierlicher Absicherung und von abstraktem Vertrauen zu
belastbaren Nachweisen.
TRUSTIFAI unterstützt Unternehmen dabei, KI sicher,
vertrauenswürdig und nachweisbar zu entwickeln, einzusetzen und zu
betreiben – von AI Governance und Readiness über die Bewertung
konkreter KI-Systeme bis zur Vorbereitung auf Prüfung und
Zertifizierung. | trustifai.at
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