Hannover (OTS) – 84 % der pflegenden Angehörigen würden sich ohne die
Pflegeverantwortung stärker um eine Partnerschaft bemühen. 85 % sind
bei Verabredungen oft zeitlich stark eingeschränkt. 77 % fehlt die
Kraft für eine aktive Partnersuche, und mehr als die Hälfte hat
bereits Kontaktabbrüche wegen der eigenen Pflegeverantwortung erlebt.
Dies ist das Ergebnis einer Umfrage der psychologischen
Partnervermittlung Gleichklang.de über die Situation von
partnersuchenden Singles, die Angehörige pflegen. Die Untersuchung
wurde als Online-Befragung durch den Psychologen Dr. Guido F. Gebauer
durchgeführt. An der Umfrage beteiligten sich 354 Menschen mit
Pflegeverantwortung im Alter von 21 bis 78 Jahren, die sich auf der
Suche nach einer Partnerschaft befanden.
Die Ergebnisse der Studie räumen gleichzeitig mit einem
verbreiteten Stereotyp auf:
– Wer denkt, Pflegende suchten jemanden, der die Pflege mit ihnen
teilt, irrt. 94 % wünschen sich vor allem Verständnis und 81 %
emotionale Unterstützung, aber nur 5 % wollen eine geteilte
Pflegeverantwortung. 77 % bevorzugen gerade wegen ihrer
Pflegesituation eine Partnerschaft mit getrennten Wohnungen, um ein
hohes Maß an Eigenständigkeit zu bewahren.
Die Studie zeigt nicht nur Belastungen auf, sondern weist auch
einen Ausweg:
– 85 % der Befragten wünschen sich ein pflegesensitives Matching beim
Online-Dating – also eine gezielte Vermittlung von Menschen mit
Pflegeverantwortung an Personen, die einer Beziehung mit einer
pflegenden Person offen gegenüberstehen.
Als Ergebnis der Befragung hat Gleichklang solch ein
pflegesensitives Matching nunmehr als erste Online-Dating-Plattform
in Deutschland, Österreich und der Schweiz eingeführt. Psychologe
Gebauer berichtet hierzu, dass 34 % der nicht pflegenden Mitglieder
die Akzeptanz bejahen, eine Zahl, die höher liege als ursprünglich
vermutet worden sei.
Fünf Dimensionen der Partnersuche unter Pflegebedingungen
Mithilfe eines statistischen Verfahrens (Hauptkomponentenanalyse)
ließen sich die Antworten der Befragten auf 45 Fragen zu fünf
Grundkomponenten verdichten, die das Erleben von pflegenden Singles
bei der Partnersuche erfassen:
Verständnis und Akzeptanz: Mit 96 % Zustimmung ist der Wunsch,
mit der eigenen Pflegesituation verstanden und angenommen zu werden,
nahezu durchgängig vorhanden. Eine Beziehung muss auch die
belastenden Seiten des Alltags einschließen können.
Zeitliche und räumliche Einschränkungen: 85 % schildern eine
Belastung ihrer Partnersuche durch begrenzte Zeit, geringe
Möglichkeiten zur Spontaneität und räumliche Bindungen an den
Pflegeort. Treffen, Reisen oder auch mögliche Übernachtungen sind
nicht immer möglich und müssen in Abhängigkeit von den
Pflegeanforderungen geplant werden.
Erschöpfung und Resignation: 76 % berichten über Erschöpfung,
fehlende Kraft und dadurch bedingte Resignation bei der Partnersuche.
Die Betreffenden geben an, die Partnersuche teilweise aufzuschieben
oder auch grundlegende Zweifel an der Vereinbarkeit von Pflege und
Partnersuche zu hegen.
Wunsch nach Eigenständigkeit: 71 % geben den Wunsch nach einer
hohen Eigenständigkeit in einer neuen partnerschaftlichen Beziehung
an, auch um neue Belastungen durch Partnersuche und Beziehungen zu
vermeiden.
Zurückweisungen und Kontaktabbrüche: 53 % schildern ein
ausgeprägtes Muster aus tatsächlich erlebter Ablehnung und
Zurückweisung sowie gefürchteten Ablehnungen aufgrund ihrer
Pflegeverantwortung. Die Betreffenden haben den Eindruck, durch ihre
Pflegesituation aus dem Online-Dating herauszufallen oder an den Rand
gedrängt zu werden.
Beziehungsformen zwischen Nähe und Eigenständigkeit
Bei den konkreten Wünschen an eine neue Partner:in zeigt sich
eine deutliche Rangfolge:
– 94 % wünschen sich Verständnis für ihre Pflegesituation und 81 %
emotionale Unterstützung. Praktische Hilfe wünschen sich 38 %, eine
gelegentliche direkte Beteiligung an der Pflege 18 %. Lediglich 5 %
sprechen sich ausdrücklich für eine geteilte Pflegeverantwortung aus.
Viele Befragte suchen nach nicht traditionellen Beziehungsformen,
die Nähe und Eigenständigkeit miteinander verbinden können:
– 95 % ist die Berücksichtigung ihrer persönlichen Freiräume wichtig,
88 % möchten zusätzliche Belastungen durch eine Beziehung vermeiden.
77 % halten eine Partnerschaft mit getrennten Haushalten für
besonders passend.
Die Auswertung der freien Selbstschilderungen zeigt laut Gebauer,
dass Pflegende ihre Beziehungswünsche bewusst an ihren begrenzten
Ressourcen ausrichten. Viele sind von daher besonders aufgeschlossen
für Beziehungen mit weniger gemeinsamer Zeit und eigenständigen
Lebensbereichen.
Auch einvernehmlich nicht-monogame Beziehungen werden erwogen:
– 20 % haben aufgrund ihrer Pflegesituation über eine solche
Beziehung nachgedacht. Eine Befragte schilderte, wie sie mit
Zustimmung ihres schwer erkrankten Partners eine weitere Beziehung
suchte und gleichzeitig die bestehende Beziehung und Pflege
fortsetzte.
Mehr Pflegeaufwand geht mit größeren Schwierigkeiten einher
Besonders deutlich war der Zusammenhang zwischen dem
wöchentlichen Pflegezeitaufwand und den zeitlichen und räumlichen
Einschränkungen bei der Partnersuche:
– Je mehr Zeit die Pflege beanspruchte, desto stärker waren diese
Einschränkungen ausgeprägt. Die Korrelation betrug r = 0,51. Höhere
psychische Pflegebelastung ging zudem mit stärkerer Erschöpfung und
Resignation bei der Partnersuche einher (r = 0,28). Längere
Pflegedauer war außerdem mit stärker ausgeprägten
Zurückweisungserfahrungen und entsprechenden Befürchtungen verbunden
(r = 0,28). Mehr familiäre Unterstützung ging demgegenüber mit
weniger Zurückweisungserfahrungen und -befürchtungen einher (r = –
0,31).
Diese Zusammenhänge blieben auch nach einer statistischen
Korrektur für Mehrfachvergleiche signifikant.
Einflüsse von Geschlecht, Alter und Bildungsstand
Bis auf ein leicht höheres Bedürfnis der weiblichen Befragten
nach Akzeptanz ihrer Pflegesituation zeigte sich in der Auswertung
kaum ein Einfluss von Geschlecht, Alter und Bildungsstand auf die
ermittelten Befunde. Dies weist darauf hin, dass die Ergebnisse
allgemeine Erfahrungen von Pflegenden widerspiegeln, die weitgehend
unabhängig sind von Geschlecht, Alter und Bildungsstand.
Psychologische Einordnung der Befunde
Psychologe Gebauer fasst zusammen:
„Die Befunde machen deutlich, dass eine Pflegesituation sich
tiefgreifend auf die Partnersuche und die Beziehungswünsche von
pflegenden Angehörigen auswirkt. Wahrscheinlich entsteht aus
zeitlichen und räumlichen Begrenzungen, Erschöpfung, erlebter und
befürchteter Ablehnung der von nahezu allen Pflegenden gehegte Wunsch
nach Akzeptanz und Anerkennung ihrer Pflegesituation wie auch das
kompensatorische Bedürfnis nach einer Beziehung mit einem hohen
Ausmaß an Eigenständigkeit. Dabei erhoffen sich pflegende
Partner:innen von einer neuen Beziehung meistens weniger konkret-
praktische als emotionale Unterstützung.“
Die Erfahrungen der Befragten zeigen laut Gebauer gleichzeitig,
dass Pflegende bisher durch das moderne Online-Dating kaum effektiv
unterstützt werden:
„Dass sich eine überwältigende Mehrheit von 85 % ein
pflegesensitives Matching wünscht, begründet sich mit den besonderen
Schwierigkeiten von Pflegenden bei Online-Dating und Partnersuche.
Unsere umfassende deutschprachige und internationale Literatursuche
und Recherche gelangen aber zu dem Ergebnis, dass ein solches
pflegesensitives Matching bisher nicht angeboten wurde und pflegende
Angehörige, die Single sind, mit ihrer spezifischen Situation durch
das moderne Online-Dating im Wesentlichen allein gelassen werden.“
Gebauer schließt aus den Befunden der Umfrage, dass Pflegende
sich Nähe und emotionalen Rückhalt wünschen, ihnen aber häufig Zeit
und Kraft fehlen, um nach einer Beziehung zu suchen, zumal sie beim
Online-Dating oft auf Ablehnung und Zurückweisung stoßen. Umso mehr
brauchen sie Gegenüber, die ihre Pflegeverantwortung akzeptieren und
ihre Erwartungen an gemeinsame Zeit darauf einstellen können.
Demgegenüber erwarteten die meisten Pflegenden keine umfassende
Übernahme von Pflegetätigkeiten durch künftige
Beziehungspartner:innen. Die Sorge, sofort in eine zeitaufwendige
Pflegeverantwortung einzutreten, entspreche meist nicht dem, was
Pflegende von einer neuen Beziehung erwarten.
Entscheidend sei für die Mehrheit der Pflegenden, eine Beziehung
gestalten zu können, die unter den Pflegebedingungen trägt. Die
Untersuchung zeigt nach Gebauer, dass die meisten hierfür sowohl
emotionale Akzeptanz und emotionale Unterstützung als auch
Eigenständigkeit bis zu getrennten Wohnungen als förderlich erachten.
Gebauer hält das Thema Pflegeverantwortung und Partnersuche für
hochgradig gesellschaftlich relevant. Seine bisherige
Vernachlässigung hält er für eine echte Lücke beim Online-Dating:
„Pflegende machen etwa 10 % der erwachsenen Bevölkerung in
Deutschland, 12 % in Österreich und 8 % in der Schweiz aus.
Gleichzeitig wird die Pflegebedürftigkeit in einer alternden
Gesellschaft weiter zunehmen. Dennoch wird das Thema Partnersuche für
Pflegende bei Online-Dating-Plattformen bisher weitgehend ignoriert.
Nach unseren Recherchen sind wir die einzige Online-Dating-Plattform
in Deutschland, Österreich und der Schweiz und unseres Wissens auch
weltweit, die ein pflegesensitives Matching anbietet. Auch eine
vergleichbar umfangreiche öffentlich zugängliche Datenerhebung
speziell zur Pflege von Angehörigen und Online-Partnersuche ist uns
bisher nicht bekannt.“
Aber wird das pflegesensitive Matching tatsächlich pflegenden
Singles zum Partnerglück verhelfen?
Gebauer berichtet, dass die Plattform gute Erfahrungen mit einem
Matching nach Akzeptanz bei anderen Gruppen gemacht habe, die es
ebenfalls schwerer bei der Partnersuche haben, wie bei
Partnersuchenden mit Behinderungen, Erkrankungen, Neurodiversität,
Hochsensibilität oder auch bei Partnersuchenden, die ihre finanziell-
materielle Situation als prekär beschreiben.
“ Wir sind optimistisch, dass das Akzeptanzprinzip auch bei
Pflegenden funktioniert, und werden in circa zwei Jahren eine
Auswertung durchführen“ , meint Gebauer.
Informationen zur Untersuchung
An der Online-Umfrage beteiligten sich 354 Mitglieder oder
Interessent:innen von Gleichklang. Unter ihnen waren 68,2 % Frauen,
30,0 % Männer und 1,8 % nichtbinäre Personen. Das Alter lag zwischen
21 und 78 Jahren, das Durchschnittsalter betrug 57,3 Jahre.
56,5 % trugen zum Befragungszeitpunkt Pflegeverantwortung und
berichteten über ihre Partnersuche unter diesen Bedingungen. 43,5 %
schilderten eine vergangene Pflegesituation, während der sie
zumindest zeitweise Single gewesen waren. Die Befragten pflegten
insbesondere Eltern, aber auch Kinder, Partner:innen oder andere
nahestehende Menschen. Im Durchschnitt bestand die
Pflegeverantwortung über 6,3 Jahre.
Es handelt sich nicht um eine repräsentative Stichprobe für alle
Pflegenden im deutschsprachigen Raum. Das Ziel der Studie war jedoch
nach Gebauer auch nicht die Ermittlung punktgenauer Prozente, sondern
die Erstellung eines Gesamtbildes. Aufgrund der hohen Eindeutigkeit
der Befunde und wegen ihrer weitgehenden Unabhängigkeit von Alter,
Geschlecht und Bildungsstand könne von einer Robustheit der Befunde
ausgegangen werden.
Weitere Auswertungen und Informationen
In einem Artikel im Beziehungsblog von Gleichklang werden
zahlreiche weitere Informationen und Befunde zur Studie mitgeteilt.
Ein weiterer Artikel stellt die qualitative Analyse der freien
Selbstschilderungen von 105 pflegenden Personen dar, wobei die
identifizierten Kategorien jeweils mit Originalzitaten verdeutlicht
werden. Zudem werden die Gesamtbefunde der Studie übersichtlich in
dieser Broschüre vorgestellt.
Über Gleichklang
Gleichklang.de ist eine psychologische Partnervermittlung für
Menschen, die Partnerschaft, Freundschaft oder gemeinschaftliche
Projekte suchen. Die Plattform verbindet psychologisches Matching mit
einer ökologisch-sozialen Grundorientierung.
Bild(er) zu dieser Aussendung finden Sie unter http://bild.ots.at