Weil Mäuse keine Menschen sind: Fokus auf tierversuchsfreie Forschung

Wien (OTS) – Beim Jahresforum der Tierschutzombudsstelle Wien waren
sich
Vortragende aus Forschung, Wirtschaft und Politik einig: Für viele
Tierversuche gibt es bereits zuverlässigere, tierfreie Alternativen.
Dass der Umstieg sich dennoch zieht, hat verschiedene Gründe:
strukturelle, finanzielle – aber auch Schranken „im Kopf“, die es zu
überwinden gilt.

1. 500.000 Tiere sterben in Österreich jährlich im Zusammenhang mit
Tierversuchen: Etwa 300.000 davon sind “Überschusstiere”, die getötet
werden, ohne je in einem Versuch verwendet worden zu sein.

2. Seit 60 Jahren gleichbleibend unzuverlässig: 92 Prozent aller
Wirkstoffe, die Tierversuche bestanden haben, scheitern danach am
Menschen.

3. Mut zum Umstieg: New Approach Methodologies (NAMs), also auf neuen
Ansätzen basierende Methoden, sind längst im Einsatz – und in vielen
Fällen deutlich zuverlässiger als Tierversuche.

4. Wien ist mit dabei: Die Life Sciences wachsen stärker als jede
andere Branche der Stadt. Zahlreiche Wiener Forschende und
Unternehmen betreiben bereits tierversuchsfreie Forschung. Die Stadt
fördert gezielt die Entwicklung entsprechender Methoden.

5. Reformbedarf: Das Wissenschaftsministerium nennt den Ersatz von
Tierversuchen als oberste Priorität bei Reformen des
Tierversuchswesens. Das Regierungsprogramm sieht außerdem eine
Modernisierung im Bereich des Tierversuchsgesetzes vor.

Unter dem Motto „Im Zweifel für das Tier“ hat die
Tierschutzombudsstelle Wien am 7. Oktober ihr Jahresforum 2026
ausgerichtet. Im Dachsaal der Urania begrüßte die Wiener
Tierschutzombudsfrau, Eva Persy, zahlreiche Interessierte und
Vortragende aus Forschung, Unternehmen, Verwaltung und Politik. Bei
diesen herrschte Einigkeit: Tierversuche sind in vielen Bereichen
überholt.

Die leitende Frage des Forums war daher nicht, ob der Umstieg
kommt, sondern wie er beschleunigt werden kann. Persy betonte, ein
Umstieg “macht so viel Sinn und ist besser für Mensch und Tier”. Oft
lägen aber “die Grenzen, die es zu überwinden gelte, noch in den
Köpfen”.

Zwtl.: Der Mensch ist keine 70-Kilo-Maus

Denn Tierversuche sagen nicht verlässlich voraus, was ein
Wirkstoff im Menschen anrichtet, betonte Tamara Zietek vom Verein
Ärzte gegen Tierversuche. Die Biochemikerin hat 60 Jahre
Medikamentenentwicklung ausgewertet: 92 Prozent der Wirkstoffe, die
die präklinische Prüfung durch Tierversuche bestanden haben,
scheiterten danach beim Menschen. Nicht einmal im vergangenen
Jahrzehnt hat sich dieser Wert verbessert.

Anja Hellwig von der TissUse GmbH, ein Biotech-Unternehmen aus
Berlin, das Organ-Chips herstellt, nannte als Beispiel Aspirin: Das
Medikament würde die heutigen präklinischen Tierversuche vermutlich
nicht überstehen, da es für Ratten tödlich ist.

Menschen seien eben “keine 70-Kilo-Mäuse” zitierte Hellwig einen
Forscher aus dem Film “Future Science – Das Ende der Tierversuche?”,
der am Vorabend des Forums präsentiert wurde. Zuverlässiger sind die
Methoden, die mit Zellen von denjenigen arbeiten, für die die
Forschung auch gedacht ist: uns Menschen.

Zwtl.: NAMs: Was heute schon möglich ist

New Approach Methodologies, kurz NAMs, bilden u.a. menschliche
Organe im Labor nach; etwa eine Mini-Leber auf einem Chip. Der
Einschätzung, diese Methoden seien noch nicht ausreichend
praxistauglich, stellte das Forum ein anschauliches Beispiel
gegenüber: Doris Wilflingseder, Professorin für Infektionskrankheiten
am Ignaz-Semmelweis-Institut und an der Vetmeduni Wien, erzielte zu
Beginn der Corona-Pandemie mit menschlichen Atemwegsgeweben wichtige
Erkenntnisse – ohne Tierversuche. Für ihre Arbeit wurde sie 2021 mit
dem Staatspreis zur Förderung von Ersatzmethoden zum Tierversuch
ausgezeichnet.

Wenn geeignete Methoden bereits verfügbar sind, stellt sich
dennoch die Frage, warum ihr breiter Einsatz so viel Zeit benötigt.
Hellwig verwies dabei auf die Strukturen des akademischen Alltags, in
dem häufig auf etablierte Verfahren zurückgegriffen werde.
Wilflingseder benannte einen Ausbaubedarf bei entsprechenden
Förderschienen. Auch in der Ausbildung seien Anpassungen sinnvoll:
Während Tierversuchskurse an medizinischen und veterinärmedizinischen
Universitäten vielfach zum Standard gehören, werden Lehrangebote zu
alternativen Methoden bislang nicht überall in vergleichbarer Weise
angeboten.

Zwtl.: Reform und geplante Gesetzesnovelle

Dass das österreichische Tierversuchsgesetz überarbeitet werden
sollte, ist auch das Ziel der Bundesregierung: im Regierungsprogramm
ist eine Novelle verankert. Christian Berger aus dem Kabinett der
Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner, die er beim Forum
vertrat, nannte die Reduktion der „Überschusstiere“ eines der
wesentlichsten Ziele.

Vor allem aber stellte er klar, dass die drei Rs – Replacement,
Reduction und Refinement – des Tierschutzes keine gleichrangigen
Optionen seien: “Die oberste Priorität ist Replacement.” Für die
Forschungsförderung formulierte er das Ziel, dass NAMs in Projekten
gerade als innovative und effiziente Methoden überall da, wo dies
regulatorisch möglich ist, auch als erste Wahl gelten sollten, nicht
nur als bloße Alternative zu Tierversuchen.

Darüber hinaus fördert das Wissenschaftsministerium die
Weiterentwicklung und Verbreitung von NAMs auch auf europäischer
Ebene. Über die Agenda für den Europäischen Forschungsraum 2025–2027
hat die Europäische Kommission eine europäische NAMs-Initiative
angestoßen, an der sich Österreich aktiv beteiligt.

Zwtl.: In Wien bewegt sich schon viel

Die Wirtschaftsagentur Wien investiert in Laborflächen und
fördert Innovations- und Investitionsprojekte von Wiener Unternehmen.
Eva Czernohorszky, Abteilungsleiterin für Life Sciences der
Wirtschaftsagentur, zeigte die wirtschaftliche Relevanz von NAMs.
Wiener Start-ups entwickeln Organoide in der Petrischale, an denen
sie selber Wirkstoffe zur Behandlung von Epilepsie oder Alzheimer
testen. Diese Organoide werden auch von anderen Unternehmen und
Forschungseinrichtungen als Alternative zu Tierversuchen genutzt. So
bringen NAMS in Wien neue Umsätze und Arbeitsplätze. Zwischen 2021
und 2024 sind die Beschäftigten in der Wiener Life Sciences Branche
um acht Prozent gewachsen. “Das gab es in keiner anderen Branche”, so
Czernohorszky.

Die Vortragenden waren sich durchweg einig: Vorteile und
Potentiale der NAMs sind riesig, da Patient*innensicherheit und
Tierschutz ebenso profitieren würden wie der Wissenschafts- und
Wirtschaftsstandort Wien. Nun geht es an die forcierte Umsetzung.

Die Tierschutzombudsstelle Wien (TOW) ist eine unabhängige und
weisungsfreie Einrichtung der Stadt Wien. Nach dem
Bundestierschutzgesetz hat sie die Aufgabe, die Interessen des
Tierschutzes zu vertreten. Die Tierschutzombudsstelle setzt sich bei
Verfahren nach dem Tierschutzgesetz in Wien als Anwältin der Tiere
für ihre Rechte ein und fördert mit ihren bewusstseinsbildenden
Projekten und Initiativen das respektvolle und harmonische
Miteinander von Mensch und Tier in der Stadt.