Wien (OTS) – Die wieder einmal formulierte Forderung der
Hausapotheken-Lobby der
Wiener Ärztekammer, die Abgabe von Medikamenten in Ordinationen
auszubauen, ist nicht nur medizinisch fragwürdig – sie ist
gesundheitspolitisch fahrlässig. Man muss die Dinge schon beim Namen
nennen: Die Ärzteschaft gehört zu den bestbezahlten Berufsgruppen des
Landes. Die Forderung nach einer Ausweitung der Medikamentenabgabe
ist kein Beitrag zur Patientenversorgung – sie ist nur der Griff nach
einer zusätzlichen Einkommensquelle. Finanziert wird dieser Griff
durch die wirtschaftliche Schwächung eines flächendeckenden
Versorgungsnetzes, das täglich Millionen Menschen absichert.
„Wer Apotheken die Grundlage entzieht, fördert nicht die
Gesundheitsversorgung. Er zerstört sie – langsam, aber sicher. Und
die, die das am härtesten trifft, sind nicht die Ärztinnen und Ärzte,
sondern die Patientinnen und Patienten“, warnt Philipp Saiko,
Präsident der Apothekerkammer Wien. „Das Apothekennetz in Wien gehört
zu den engmaschigsten in ganz Österreich. Das ist kein Zufall,
sondern das Ergebnis eines sehr guten und bewährten Systems. Es gibt
daher auch kein Problem mit der Versorgung von Medikamenten. Ich
warne eindringlich davor, derartige Fake-News immer wieder zu
verbreiten. Letztere werden auch nicht richtiger, je öfter sie
wiederholt werden. Die Behauptung, dass die Menschen durch die
zusätzliche Verlagerung von Arzneimitteln in Ordinationen profitieren
würden, ist schlichtweg falsch. Apothekerinnen und Apothekern gelingt
es immer, die Bevölkerung mit den benötigten Medikamenten zu
versorgen – sogar in chaotischen, unsicheren Pandemiezeiten.
Voraussetzung dafür ist nur, dass sich die Präparate in Österreich
befinden“, so Saiko weiter.
Die Abgabe von Medikamenten in der Arztpraxis ist in einer
weiteren Hinsicht kritisch: Ärztinnen und Ärzte verschreiben oft mehr
oder teurere Arzneimittel, wenn sie diese auch selbst vertreiben.
Dies kann zum einen Auswirkungen auf die individuelle Gesundheit der
Menschen haben, zum anderen steigen unnötigerweise die
Arzneimittelkosten, was eine zusätzliche Belastung für das
Gesundheitssystem bedeutet. Das geht aus mehreren internationalen
Studien hervor.
Susanne Ergott-Badawi, Vizepräsidentin der Wiener
Apothekerkammer, nennt ein weiteres Argument gegen die
Medikamentenabgabe in Arztpraxen: „Viele Ärztinnen und Ärzte sind
schon jetzt zeitlich überlastet. Die Wartezeiten auf Termine werden
immer länger, die Behandlungsdauer der Patientinnen und Patienten
dagegen immer kürzer. Statt aus Profitinteressen die zusätzliche
Abgabe von Medikamenten in den Ordinationen zu forcieren, wäre die
Standesvertretung gut beraten, über Maßnahmen zur Verbesserung der
ärztlichen Beratungs- und Behandlungsdauer in den Ordinationen
nachzudenken. Davon hätten dann die Patientinnen und Patienten auch
tatsächlich etwas. Die fachgerechte Lagerung, die
Arzneimittelberatung, das Erkennen von Wechselwirkungen, die
Aufklärung über Dosierung und Anwendung – all das erfordert eine
eigenständige, jahrelange pharmazeutische Fachausbildung und genügend
Zeit. Beides haben die Mediziner nicht.“
Die wirklichen Herausforderungen im Arzneimittelbereich liegen
woanders: in fragilen internationalen Lieferketten, in Abhängigkeiten
von wenigen Produktionsstandorten, in den niedrigen
Arzneimittelpreisen. Diese Probleme werden nicht gelöst, indem man
Ordinationen erlaubt, Medikamente abzugeben. Sie werden gelöst durch
konsequente politische Maßnahmen auf europäischer Ebene zur Sicherung
und Diversifizierung der Lieferketten, durch kluge
Lagerhaltungspolitik und durch das langfristige Ziel, einen Teil der
Arzneimittelproduktion zurück nach Europa zu verlagern.
Die Energien sollten genau dort investiert werden. Und sollten
bestimmte Arzneimittel aufgrund eines Lieferengpasses knapp sein,
dann können die Patientinnen und Patienten mit der ApoApp der
Österreichischen Apothekerkammer schon jetzt mit wenigen Klicks
gezielt eine Apotheke in ihrer Nähe finden, in der ihr Medikament
verfügbar ist. Schnell, verlässlich, niederschwellig. „Das ist
digitale Versorgungssicherheit. Nicht ärztliches Lobbyieren ohne
Mehrwert“, so das Präsidium der Apothekerkammer Wien.
