Wien (OTS) – Wetterextreme stellen Planung, Bau und Betrieb vor neue
Herausforderungen. Am 7. Mai 2026 lud Austrian Standards zum
Baustammtisch 2026 unter dem Titel „Klimaresilienz bauen zwischen
Strategie und Praxis“ ein. Im Fokus stand, wie Gebäude, Quartiere und
Städte auch unter veränderten klimatischen Bedingungen langfristig
funktionsfähig bleiben. Expert:innen diskutierten, welche
praxistauglichen Lösungen dafür erforderlich sind.
„ Planung, Bau und Betrieb stehen vor neuen Anforderungen.
Wetterextreme sind längst keine abstrakten Zukunftsszenarien mehr,
denn sie prägen schon heute, was Gebäude in Zukunft leisten müssen.
Klimaresilienz muss daher von Anfang an berücksichtigt werden: von
der Konzeption über die Umsetzung bis zum laufenden Betrieb.
Standards sind dabei der Schlüssel, um aus Wissen gemeinsame,
umsetzbare Lösungen für die Breite zu machen “, sagte Valerie
Höllinger, CEO von Austrian Standards bei der Eröffnung.
Ein Schwerpunkt des Baustammtischs lag auf grün-blauer
Infrastruktur als strategischer Grundlage für klimaresiliente Stadt-
und Quartiersentwicklung. In seiner Keynote „Bauen unter Klimastress.
Green-Blue Infrastructure im Quartier 52° Nord“ zeigte Thomas
Kraubitz , Partner bei Buro Happold, am Beispiel des realisierten
Berliner Quartiers 52° Nord, wie extreme Hitze und Starkregen bereits
in der Planung verankert werden können. Im Fokus standen dabei unter
anderem lokale Regenwasserspeicherung, Begrünung und Entsiegelung
sowie die Frage, wie Nutzung, Technik und Betrieb auch unter
Extrembedingungen wirkungsvoll zusammenspielen. „ Klimaresiliente
Quartiere entstehen nicht durch Einzelmaßnahmen, es braucht
integrierte Systeme und Standards für die Anschlussfähigkeit. Grün-
blaue Infrastruktur muss funktional geplant, richtig dimensioniert
und langfristig betreibbar sein, denn nur dann kann sie bei Hitze,
Starkregen und anderen Extremereignissen ihre Wirkung entfalten “, so
Kraubitz .
Im Innovationsimpuls „Von der Messung zur Maßnahme: Wie Daten und
Digitalisierung Klimaresilienz ermöglichen“ veranschaulichte Elena
Graf-Burgstaller , Head of ESG Strategy and Business Development bei
Blue Auditor, wie datenbasierte Analysen Energieeffizienz und Klima-
und Transitionsrisiken von Gebäuden sichtbar machen und damit
fundierte Entscheidungen für Planung, Betrieb und Weiterentwicklung
unterstützen. „ Wer Klimaresilienz umsetzen will, braucht belastbare
Entscheidungsgrundlagen und Standards als gemeinsame Sprache. Daten
helfen dabei, Risiken sichtbar zu machen, Maßnahmen gezielt
abzuleiten und deren Wirkung über den gesamten Lebenszyklus eines
Gebäudes oder Quartiers nachvollziehbar zu machen “, sagte Graf-
Burgstaller.
Zwtl.: Lösungen für eine klimafitte Baupraxis
Im anschließenden Panel Talk „Klimaresilienz umsetzen: Zwischen
Planung, Systemen und Normen“ diskutierten Expert:innen über konkrete
Herausforderungen in der Praxis: von großräumigen
Stadtentwicklungsprojekten bis zu kleineren Gemeinden, vom Bestand
bis zum Neubau, vom Gebäudebetrieb bis zum Wasser- und
Entwässerungsmanagement.
Für Robert Grüneis, Vorstand der Wien 3420 AG, ist nachhaltige
Stadtentwicklung nur im Zusammenspiel von klarer Zielsetzung und
offenem Dialog mit allen Beteiligten möglich. „Klimaresiliente
Stadtentwicklung heißt, nicht nur ein Gebäude oder eine einzelne
Maßnahme zu betrachten, sondern den Stadtteil, seine Grünräume, seine
Nutzung und seine Wirkung über Jahrzehnte hinweg mitzudenken.
Entscheidend ist daher nicht allein, was Klimaresilienzmaßnahmen zu
Beginn kosten, sondern welche Kosten entstehen, wenn zentrale Aspekte
wie öffentliche Räume, Energieversorgung oder Gebäudefunktionalität
nicht von Anfang an mitgeplant sind.“
Werner Linhart , Vorsitzender des Austrian-Standards-Komitees 214
für Abdichtungsbahnen und Bauwerksabdichtungen, betonte die Bedeutung
hochwertiger Bauweise für langfristig sichere und nutzbare Gebäude:
„Angesichts von Klimawandel, Extremwetter, Hitze und Starkregen
müssen Entwässerung, Gebäudenetze und Gebäudehüllen robuster geplant
werden, um wirtschaftliche Schäden sowie Risiken für Gesundheit und
Lebensgrundlagen zu reduzieren. Bereits heute gibt es mehr Hitzetote
als Verkehrstote, daher muss die Bauweise der Zukunft auf
Klimaresilienz, Dichtheit und dauerhafte Funktionalität ausgerichtet
sein.“ Gleichzeitig forderte Linhart einen Paradigmenwechsel in der
Normung: „Statt vergangenheitsbezogener Daten braucht es stärker
szenariobasierte Standards, die Lösungen für zukünftige
Extremwetterereignisse bieten.“
Christopher Peiritsch , Leitung Division Bauelemente bei ACO,
verwies auf die Bedeutung funktionierender Systeme im Umgang mit
Wasser und erläuterte das Prinzip der Schwammstadt. „Regenwasser ist
kein Abfallprodukt mehr, sondern eine Ressource, die wir im urbanen
Raum intelligent sammeln, steuern und nutzen müssen. Das Schwammstadt
-Prinzip zeigt, wie Wasser vor Ort zurückgehalten, Bäumen verfügbar
gemacht und zur Kühlung von Städten eingesetzt werden kann. Dafür
braucht es innovative Lösungen, passende Standards und mutige
kommunale Partner.“
Michaela Zois, Geschäftsführerin leveldrei Projektentwicklung
GmbH und Projektleiterin des FFG-Forschungsprojektes ESG-STADTLABOR,
zeigte am Beispiel St. Veit an der Glan, wie Gemeinden über klare
Steuerungsmodelle und Austauschstrukturen künftig voneinander lernen
können. „Die große Herausforderung für Gemeinden liegt weniger darin,
Strategien zu entwickeln, sondern tatsächlich in die Umsetzung zu
kommen. Gerade kleinere Städte wie St. Veit an der Glan brauchen
dafür klare Steuerungsmodelle, transparente Kommunikation und
Strukturen, durch die sie voneinander lernen und nachhaltige
Maßnahmen unabhängig von politischen Wechseln langfristig verankern
können.“
Michael Haugeneder, Geschäftsführer von ATP sustain, sieht die
eigentliche Herausforderung in der konsequenten Anwendung eines
strukturierten Prozesses in der Grundlagenermittlung. „Risiken aus
dem Klimawandel entsteht aus der Kombination von Schadensausmaß des
jeweiligen Wetterereignisses und Eintrittswahrscheinlichkeit. Und
genau diese Eintrittswahrscheinlichkeit steigt bei vielen
Extremereignissen deutlich an. Planung muss daher Risiken frühzeitig
analysieren, ihre Auswirkungen auf Gebäude und die Einschränkungen
der Nutzung bewerten, um daraus organisatorische, technische und
bauliche Maßnahmen ableiten, mit Kosten bewerten und darauf aufbauend
ein Konzept entwickeln, damit Gebäude auch im Ernstfall
funktionsfähig bleiben.“
Zum Abschluss machte Stefan Wagmeister , Community Manager Bau &
Immobilien bei Austrian Standards, deutlich, dass sich mit den
klimatischen Veränderungen auch die Anforderungen an Standardisierung
weiterentwickeln müssen: „Standardisierung hat immer schon darauf
abgezielt, Lösungen für die nächsten 30 bis 50 Jahre tragfähig zu
machen – heute müssen wir diesen Anspruch unter deutlich schnelleren
Klimaveränderungen neu denken. Dafür brauchen wir verlässliche Daten,
mehr Szenarien und zusätzliche Expertise, etwa aus Klimatologie und
Versicherungswirtschaft, damit Standards über Systemgrenzen hinweg
zukunftsfähige Lösungen ermöglichen.“
Zwtl.: Key Takeaways:
–
Klimaresilientes Bauen braucht den Blick über das einzelne
Gebäude hinaus: Entscheidend sind Quartiere, Infrastruktur, Nutzung
und Betrieb über den gesamten Lebenszyklus.
–
Belastbare Daten, Szenarien und Risikoanalysen sind die Grundlage
für wirksame Maßnahmen: Nur so lassen sich Klimarisiken frühzeitig
erkennen und gezielt adressieren.
–
Standards schaffen die gemeinsame Basis für die breite Umsetzung:
Sie machen innovative Lösungen praxistauglich, vergleichbar und
skalierbar – von grün-blauer Infrastruktur über robuste Gebäudehüllen
bis hin zu klimaangepassten Planungs- und Betriebsprozessen.
Hier geht es zur Videoaufzeichnung des Baustammtischs 2026.
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