Begutachtung neuer Lehrpläne: Armutskonferenz nennt fünf Kriterien guter Finanz- und Wirtschaftsbildung

Wien (OTS) – „Die Armutskonferenz ist an der Umsetzung einer
lebensweltbezogenen
und mehrperspektivischen wirtschaftlichen Bildung im Rahmen des
Schulunterrichts höchst interessiert. In unserer Mitglieder
Jugendarbeit, Schuldenberatungen, Familienhilfen und
Sozialunterstützung sind Fragen des Geldes, des Haushaltens und des
Konsumentenschutz ein bedeutsames Feld“, argumentiert das Netzwerk
Armutskonferenz in ihrer Stellungnahme zu den neuen Lehrplänen an das
Bildungsministerium. Und weiter: „Deshalb ist aus sozialpädagogischer
und angewandter Perspektive die Trennung zwischen Wirtschaft und
Gesellschaft, Umwelt und Demokratie abzulehnen. Wir wenden uns
deswegen gegen die Schwächung oder Splitterung des Faches Geographie
und wirtschaftliche Bildung (GWB) und setzen uns für eine umfassende
Finanz- & Wirtschaftsbildung ein.“

Zwtl.: Fünf Kriterien guter Finanz- und Wirtschaftsbildung

Wie aber mit Kindern über Geld, Konsum und Wirtschaft reden?
„Gute Wirtschafts- und Finanzbildung an Schulen ist an fünf Kriterien
erkennbar“, so die Armutskonferenz: 1. am umfassenden
Wirtschaftsbegriff im Sinne der oἰĸovoμίa, 2. an mehrperspektivischer
und multiparadigmatischer Bildung, 3. am kritischen und aufklärenden
Ansatz, 4. an transparenten und unabhängigen Institutionen, 5. daran,
Zusammenhänge zu sehen und Kontext herzustellen.

Teuerung, Energiekrise, Arbeitslosigkeit, Geld, Handy und
Budgets. Kinder und Jugendliche haben viele Fragen – gerade jetzt. Um
Antworten geben zu können, brauchen wir eine zukunftsfähige,
unabhängige und multiparadigmatische Wirtschaftsbildung.
Zusammenhänge sehen und verstehen, Kontext herstellen, verantwortlich
handeln lernen. Das macht eine gute Wirtschafts- und Finanzbildung
aus.

Zwtl.: Umfassender Wirtschaftsbegriff: oἰĸovoμίa

Dafür braucht es einen umfassenden Wirtschaftsbegriff im Sinne
der oἰĸovoμίa, des Hauhaltens im Privaten, Öffentlichen, am Markt, im
Gemeinnützigen und Informellen.

Zwtl.: Mehrperspektivischer und multiparadigmatischer Ansatz:

Eine aufgeklärte und demokratiefördernde Bildung muss
unterschiedliche Perspektiven und Theorien vermitteln und
miterzählen, dass das angebotene Wissen immer nur eine bestimmte
Sichtweise darstellt. Ökonomische Theorien sollen in ihrer Vielfalt,
ihren philosophischen und sozialethischen Wurzeln diskutiert,
gegeneinander gestellt und an aktuellen gesellschaftlichen
Fragestellungen reflektiert werden. Es kann nicht die eine Lehre der
Finanzbildung oder wirtschaftlichen Bildung geben, weil das
theoretische Bezugsfeld heterodox sowie der wissenschaftliche
Erkenntnisstand dazu ausdifferenziert ist. Aktuelle Fragen, wie zu
den Grenzen der Staatsschulden, zu den Ursachen und der Bekämpfung
der Inflation, zu Fragen der Energiekrise, können sehr
unterschiedlich beantwortet werden. Eine zeitgemäße Bildung über die
Wirtschaft soll die Fähigkeit fördern zu einer eigenen
Urteilsfähigkeit zu kommen.

Zwtl.: Transparent und Unabhängig.

Versteckte Interessen von Banken, Versicherungen oder Konzernen
haben an Schulen nichts verloren. Schulen sind gesetzlich dazu
verpflichtet, ihre pädagogische Eigenständigkeit zu wahren und einen
unabhängigen Unterricht zu gewährleisten.

Zwtl.: Kritisch, aufklärend, stärkend

Verantwortungsvolles Wirtschaften gehört zum Grundwissen und auch
zu Grundfertigkeiten, die wir alle brauchen. Was Aktien sind, was
Anleihen, wie das BIP berechnet wird, wie ich meine Steuererklärung
mache und dass weder das Handy gratis ist, noch die Bank mir was
schenkt, darüber sollten wir Bescheid wissen. Menschen sollen sich in
Gelddingen auskennen. Wirtschafts- und Finanzbildung beispielsweise
soll Personen im Wissen und in Zusammenhängen stärken und auch
kritisch reflexiv den Finanzsektor besprechen. Finanzbildung heißt in
jedem Fall Konsumentenschutz, volkswirtschaftliche Bildung und
ökonomische Alphabetisierung. Sie ist auch eine Frage der sozialen
Praxis und des sozialen Alltags in der Jugendarbeit, Sozialberatung,
Delogierungsprävention oder Schuldenberatung.

Zwtl.: Zusammenhänge sehen, Kontext herstellen

Gegenwärtig aber wird versucht, ein verengtes Bild von Wirtschaft
und einen einseitigen Wissensansatz zu vermitteln, der soziale und
ökonomische Risiken individualisiert – auf dem Rücken
einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen. Altersarmut von Frauen ist
beispielsweise nicht auf deren mangelndes Finanzwissen
zurückzuführen, wie so manche „Finanzbildungs“-Initiativen behaupten.
Hier werden nicht nur Zusammenhänge falsch dargestellt, sondern auch
die tatsächlichen Ursachen von Frauenarmut verschwiegen. Und die
wissenschaftlichen Daten über die Sparquote der ärmeren
Bevölkerungsdezile sträflich verschwiegen.

Unschwer sind die ideologischen Absichten hinter der Trennung
wirtschaftlicher von gesellschaftlichen, ökologischen und politischen
Perspektiven zu erkennen, die auch von finanzstarken Lobbyverbänden
und Think Tanks immer wieder eingefordert werden. Im „Plan Z“ des
Billdungsministers ist beispielsweise eine Tabelle enthalten, in der
wirtschaftliche Bildung in den Cluster Technik und Wirtschaft mit
Fächern wie Mathematik und Informatik zugeordnet wird – abgekoppelt
von einem Cluster Mensch und Gesellschaft, macht die Armutskonferenz
abschließend in ihrer Stellungnahme aufmerksam.