Wien (OTS) – Konsequenter und dauerhafter Alkoholverzicht kann selbst
bei
fortgeschrittener alkoholbedingter Leberzirrhose zu einer Rückbildung
bereits bestehender leberbedingter Komplikationen führen. Das zeigt
eine internationale multizentrische Studie unter Leitung der MedUni
Wien, die kürzlich im renommierten Fachjournal „Journal of
Hepatology“ veröffentlicht wurde. Bis zu einem Drittel der
Patient:innen mit bereits dekompensierter alkoholbedingter
Leberzirrhose konnte durch konsequenten Alkoholverzicht eine
sogenannte „Re-Kompensation“ erreichen – also die vollständige
Rückbildung leberbedingter Komplikationen bei gleichzeitiger Erholung
der Leberfunktion. Darüber hinaus identifiziert die Studie jene
Faktoren, die für diese Erholung der Leberfunktion entscheidend sind.
Das Erkrankungsbild der Leberzirrhose beschreibt eine Vernarbung
der Leber. In westlichen Ländern wird sie häufig durch übermäßigen
Alkoholkonsum verursacht und führt bei vielen Betroffenen zu schweren
Komplikationen wie Bauchwasser (Aszites), Verwirrungszuständen (
Enzephalopathie) und Blutungen aus Krampfadern der Speiseröhre (
Varizenblutungen). Traditionell galt das Auftreten solcher
Komplikationen, sogenannte Dekompensations-Ereignisse, als Zeichen,
dass das Krankheitsbild der Leberzirrhose unumkehrbar geworden ist.
Die nun veröffentlichten Ergebnisse stellen dieses Dogma in Frage.
Die Studie des Forschungsteams um Benedikt Hofer und Thomas
Reiberger (Klinische Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie
der Universitätsklinik für Innere Medizin III von MedUni Wien und AKH
Wien) schloss dabei 633 Patient:innen mit alkoholbedingter
Leberzirrhose aus 17 spezialisierten Zentren in Europa und Asien ein.
Alle Patient:innen hatten nach Auftreten von Dekompensations-
Ereignissen die Alkoholabstinenz begonnen.
Zwtl.: Krankheitsverlauf ist reversibel
Innerhalb von fünf Jahren erreichte rund ein Drittel der
Patient:innen eine vollständige Rückbildung sämtlicher leberbedingter
Komplikationen bei gleichzeitiger Verbesserung der Leberfunktion –
ein Zustand, der als „Re-Kompensation“ bezeichnet wird. „Unsere Daten
zeigen klar: Selbst nach dem Auftreten schwerer Komplikationen ist
der Krankheitsverlauf bei fortgeschrittener Leberzirrhose nicht
zwangsläufig irreversibel.“, erklärt Studien-Erstautor Benedikt
Hofer. Entscheidend für das Erreichen der Re-Kompensation war neben
der Ausgangsschwere der Lebererkrankung vor allem das Erreichen einer
vollständigen und frühzeitigen Alkoholabstinenz. Studienleiter Thomas
Reiberger betont: „Alkoholverzicht kann das Fortschreiten der
Lebererkrankung nicht nur stoppen, sondern bei vielen Patient:innen
sogar zu einer Verbesserung der Leberzirrhose führen. Entscheidend
ist jedoch, dass der Alkoholverzicht bestenfalls sofort nach dem
Auftreten von Komplikationen eingehalten wird – hierdurch kann die
Chance auf Re-Kompensation mehr als verdoppelt werden.“
Zwtl.: Dramatischer Überlebensvorteil durch Re-Kompensation
Die klinischen Auswirkung der Re-Kompensation auf das Überleben
der Patient:innen der Studie war beeindruckend: Kein/e der re-
kompensierten Patient:innen mit anhaltender Alkoholabstinenz
verstarben an leberbedingten Ursachen. Auch das Risiko für das
Auftreten von Leberkrebs war in dieser Gruppe deutlich reduziert und
die Gesamtsterblichkeit signifikant niedriger – klinisch relevante
Ergebnisse, die zusätzlich als „Research Highlights“ des Fachjournals
„Nature Reviews Gastroenterology and Hepatology“ betont wurden.
Thomas Reiberger führt weiter aus: „Re-Kompensation ist kein rein
theoretisches Konzept mehr, sondern ein klinisch immer relevanter
werdender Zustand, der die Prognose trotz fortgeschrittener
Leberzirrhose fundamental verbessern kann.“
Zwtl.: Alkoholverzicht im Mittelpunkt der Therapie
Die Studie unterstreicht die zentrale Rolle des vollständigen und
dauerhaften Verzichts auf Alkohol als wirksamste therapeutische
Intervention bei alkoholbedingter Lebererkrankung. Gleichzeitig heben
die Ergebnisse auch gesundheitspolitische Aspekte hervor: eine
strukturierte Unterstützung zum Erzielen und Aufrechterhalten der
Alkoholabstinenz ist entscheidend für die Prognose dieser
Patient:innen – insbesondere vor dem Hintergrund aktueller
Budgetkürzungen im Bereich der Suchthilfe- und Abstinenzprogramme.
„Ein erneuter Rückfall zu regelmäßigem Alkoholkonsum
verschlechtert die Prognose signifikant“, so Benedikt Hofer und merkt
weiters an: „Wenn also bei der Abstinenzbetreuung gespart wird,
werden nicht nur vermeidbare Todesfälle, sondern auch hohe Kosten
durch die medizinische Versorgung fortgeschrittener Lebererkrankungen
und deren Komplikationen riskiert.“
Publikation: Journal of Hepatology
Incidence and implications of abstinence-induced recompensation in
alcohol-related cirrhosis;
Benedikt Silvester Hofer, Marta Tonon, Laura Buttler, Joana Camões
Neves, Queralt Herms, Enrico Pompili, Mina Ignat, Sophie Métivier,
Susana Gomes Rodrigues, Daniel Gutmann, Jesús Donate, Jimmy Che-To
Lai, Ana Clemente Sánchez, Alba Jiménez-Masip, Josune Cabello,
Charlotte Bouzbib, Henrik Karbannek, Jan Embacher, Thomas Sorz-
Nechay, Lukas Parandian , Antonio Accetta, Roberta Gagliardi, Marie
Griemsmann, Jordi Gratacós-Ginès, Mattias Mandorfer, Guadalupe Garcia
-Tsao, Douglas A. Simonetto, Georg Semmler, Alexander Zipprich,
Marika Rudler, Jonel Trebicka, Joan Genesca, Rafael Bañares, Terry
Cheuk-Fung Yip , Luis Téllez, Emmanuel Tsochatzis, Annalisa
Berzigotti, Hélène Larrue, Horia Stefanescu, Paolo Caraceni, Elisa
Pose, Dalila Costa, Benjamin Maasoumy, Salvatore Piano, Thomas
Reiberger; Eine Studie der Baveno Cooperation;
https://doi.org/10.1016/j.jhep.2026.01.007
