Wien (OTS) – Die Kurienversammlung der Ärztinnen- und Ärztekammer für
NÖ hat einen
Empfehlungstarif von 30 Euro (je nach Aufwand) für die Leistung
„Ärztlicher Impfpass-Check mit Impfempfehlung gemäß Österreichischem
Impfplan“ beschlossen. Da diese wichtige ärztliche Leistung im
veralteten Honorarkatalog bislang nicht berücksichtigt ist, wird sie
nun als Privatleistung mit eigenem Empfehlungstarif anerkannt. Ziel
ist es, Impflücken zu schließen, den individuellen Impfschutz zu
gewährleisten und das Bewusstsein für Gesundheitsprävention zu
stärken.
Das Impfangebot ist in den letzten Jahren deutlich umfangreicher
geworden – und damit auch die Impfberatung komplexer. Die
niedergelassene Kurie verweist darauf, dass bis vor Kurzen kein
Impfstoff gegen RSV zur Verfügung stand, heute jedoch drei RSV-
Impfstoffe für Erwachsene zugelassen sind. Für Schwangere darf
derzeit nur einer dieser Impfstoffe angewandt werden. Zusätzlich gibt
es ein Programm zur passiven Immunisierung von Neugeborenen mit dem
monoklonalen Antikörper Beyfortus, das seit Dezember 2024 im Rahmen
des kostenfreien Kinderimpfprogramms angeboten wird.
Ärztliche Impfberatung ist der Schlüssel gegen wachsende Impfskepsis
„Früher sind Säuglinge und Kleinkinder an den durch RSV verursachten
Atemwegsinfektionen gestorben – das kann eine Impfung heute
verhindern. Vorausgesetzt, Aufklärung und Impfung finden auch
tatsächlich statt. Wir beobachten jedoch eine zunehmende Impfskepsis,
befeuert durch Fehlinformationen im Netz und die COVID-Impfpflicht.
Die Folgen sind fatal: Kinder mit Masern müssen wieder hospitalisiert
werden, und Impfungen in der Schwangerschaft sind für viele werdende
Mütter zu einem Tabu geworden. Dabei empfiehlt der Österreichische
Impfplan ausdrücklich Immunisierungen gegen Keuchhusten, Tetanus,
Influenza, COVID-19 und RSV – zum Schutz des ungeborenen Kindes.
Impfmüdigkeit entsteht häufig durch Falschinformationen über
angebliche Impfschäden. In der überwiegenden Mehrheit der Impfungen
treten lediglich harmlose Reaktionen wie eine juckende oder leicht
schmerzende Einstichstelle auf. Hier kann die ärztliche Impfberatung
Aufklärung leisten und Vertrauen schaffen“, sagt die Kurienobfrau und
Allgemein- und Familienmedizinerin Dr. Dagmar Fedra-Machacek.
Ärztliche Impfberatung findet in Österreich kaum statt
Das Problem: Eine ärztliche Impfberatung findet derzeit nur auf
freiwilliger Basis statt, da Ärztinnen und Ärzte hier nur an der
Seitenlinie stehen. Eine Impfberatung stellt eine
Primärpräventionsleistung dar und kann derzeit laut
Sozialversicherungsgesetz nicht im Leistungskatalog der Krankenkasse
abgebildet werden. „Statt die ärztliche Impfberatung- und Aufklärung
durch Ärztinnen und Ärzte im Honorarkatalog zu berücksichtigen,
überlassen wir dieses Feld den Impfgegnern in Telegram-Gruppen. Dabei
kann frühzeitige ärztliche Aufklärung Leben retten – vor allem bei
RSV, Masern und in der Schwangerschaft“, sagt Fedra-Machacek.
Österreich Schlusslicht bei Keuchhusten-Immunisierung
Die fehlende ärztliche Impfberatung zeigt Folgen: Erkrankungen mit
Erregern, die längst kein Problem mehr sein sollten, nehmen in
Österreich wieder zu. Bei der Keuchhusten-Immunisierung (Pertussis)
liegt Österreich im EU-Vergleich an letzter Stelle – ebenso bei
Hepatitis B. Nach Rumänien verzeichnet Österreich derzeit die meisten
Masernfälle in Europa. 2024 wurden 542 Maserninfektionen registriert,
davon mussten 120 Personen (22,8 Prozent) im Spital behandelt werden,
vier davon auf der Intensivstation. Für 2025 wurden bis Oktober
österreichweit 151 Fälle bestätigt, davon 15 Fälle in
Niederösterreich. Daten zur Durchimpfungsrate fehlen, da die MMR-
Impfung (Masern-Mumps-Röteln) nicht im elektronischen Impfregister
erfasst wird. Die Gesundheitspolitik folgt dem Motto: Wo keine
Datenlage, da auch kein Problem.
Niederösterreich bei den Schlusslichtern der HPV-Impfung
Sehr deutlich zeigt sich das Problem hingegen anhand der Zahlen des
Dashboards zu den HPV-Impfungen: Die Durchimpfungsrate für die erste
Dosis liegt in Niederösterreich bei 54 Prozent, für die zweite Dosis
bei lediglich 40 Prozent – erforderlich wären jedoch 90 Prozent.
Damit fehlen in Niederösterreich 8.446 HPV-Impfungen, um eine
erfolgreiche Durchimpfung zu erreichen. Im Bundesländervergleich
belegt Niederösterreich damit den zweitschlechtesten Platz.
Ärztinnen und Ärzte kennen die gesamte Anamnese ihrer Patientinnen
und Patienten
Der Impfpass-Check bietet eine qualifizierte ärztliche Beratung
darüber, welche Impfungen je nach Alter, Beruf oder Lebenssituation
empfohlen sind, wie sie sich bei bestehenden Erkrankungen, in der
Schwangerschaft oder unter Medikamenteneinnahme auswirken – und
welche Kosten die Krankenkasse übernimmt. „ Diese Leistung trägt
wesentlich dazu bei, Impflücken zu schließen, das Bewusstsein für
Prävention zu stärken und den individuellen Schutz sicherzustellen.
Impfberatung muss generell stärker verankert werden – etwa durch
Informationsangebote in Schulen, Kindergärten und Betrieben. Doch nur
Ärztinnen und Ärzte kennen die vollständige Krankengeschichte ihrer
Patientinnen und Patienten und können den Impfschutz medizinisch
fundiert und individuell anpassen “, sagt Dr. Michael Sokol, Leiter
des Impfreferats der ÄKNÖ.
Ärztlicher Impfpass-Check als Privatleistung nur zweitbeste Lösung
Auch die Ärztekammer Steiermark hat bereits einen Empfehlungstarif
für Impfberatungen eingeführt. „ Sinnvoller wäre es allerdings, die
Leistung ‚Impfberatung‘ bzw. ‚Ärztlicher Impfpass-Check‘ nicht als
Privatleistung zu definieren, sondern als eigenen Bestandteil in die
Vorsorgeuntersuchung aufzunehmen – so wie es im Rahmen des
JuniorChecks bei der SVS bereits der Fall ist. Einen Empfehlungstarif
für eine Privatleistung festzulegen, ist für unsere Patientinnen und
Patienten immer nur die zweitbeste Lösung. Die schlechteste Option
wäre aber, die Hände untätig in den Schoß zu legen und weiter
Impfdurchbrüche zu beobachten“, so Dr. Fedra-Machacek abschließend.




