Wien (OTS) – 2024 wurde knapp nach ihrem Ableben das
Käthe-Sasso-Symposium im
Auftrag des Wiener Bürgermeisters Dr. Michael Ludwig ins Leben
gerufen, um im Sinne der Widerstandskämpferin Käthe Sasso zu wirken.
Ziel ist es, über Parteigrenzen hinweg unterschiedliche Perspektiven
einzubinden und zentrale gesellschaftliche Fragen gemeinsam zu
diskutieren. Die erste Ausgabe fand im Stadtsenatssitzungssaal des
Wiener Rathauses statt, die zweite Ausgabe an ihrem gestrigen 100.
Geburtstag wurde gestern, Mittwoch, in der Volkshochschule Favoriten
abgehalten. ****
Zwtl.: Eröffnung im Zeichen von Geschichte und Verantwortung
Wolfgang Markytan, SPÖ-Bundesbildungsgeschäftsführer, brachte bei
der Eröffnung der Veranstaltung das Leitmotiv auf den Punkt: „Die
Menschen zum Denken zu bringen, zum Sehen und Hören zu bringen, das
ist unsere Aufgabe.“ Dieses Zitat von Rosa Jochmann unterstreicht den
Anspruch der Bildungsarbeit. Zugleich betonte er die Notwendigkeit,
sich immer wieder die Frage nach dem „Warum“ zu stellen.
Vizebürgermeisterin Kathrin Gaal eröffnete das Symposium mit
einem Blick auf Favoriten als traditionsreichen Bezirk der
Arbeiter:innenbewegung. Sie erinnerte an die Geschichte des Roten
Wien und hob insbesondere die Errungenschaften im Wohnbau hervor.
Gleichzeitig warnte sie vor aktuellen demokratiepolitischen
Herausforderungen wie wachsendem Antisemitismus und rechtsextremen
Ideologien. Käthe Sasso würdigte sie als prägende Persönlichkeit der
Erinnerungskultur, deren Vermächtnis heute weitergetragen werden
müsse. „Umso wichtiger sind klare Haltung, Wachsamkeit und
Widerstand“, so Gaal.
Auch Dr. Sascha Obrecht, Abgeordneter zum Wiener Landtag und
Direktor des Karl-Renner-Instituts, betonte die Bedeutung des
Symposiums als Ort des Lernens und der Weitergabe von Werten. Käthe
Sasso stehe für Mut, Widerstand und Menschlichkeit unter extremsten
Bedingungen. Zugleich verwies er auf die Verantwortung politischer
Bildung: Geschichte müsse nicht nur erinnert, sondern auch verstanden
werden, um daraus Handlungsfähigkeit für die Gegenwart abzuleiten.
„Geschichte ist nichts Abgeschlossenes – sie stellt uns immer wieder
vor die Frage, wie wir heute handeln“, so Obrecht.
Zwtl.: Erinnerung, Zivilcourage und Demokratie im Fokus
Petra Bayr, Präsidentin der Parlamentarischen Versammlung des
Europarates und Präsidentin des Kuratoriums der Wiener
Bildungsakademie, unterstrich die Aktualität der drei zentralen
Themen des Symposiums: Erinnerungskultur, Zivilcourage und
Demokratie. Sie hob hervor, wie wichtig es sei, die Erfahrungen von
Zeitzeug:innen so zu vermitteln, dass sie für kommende Generationen
verständlich und erlebbar bleiben. Gleichzeitig stellte sie die Frage
nach neuen Formen von Zivilcourage – insbesondere angesichts von Hass
im digitalen Raum – sowie nach Antworten auf Desinformation und
hybride Bedrohungen. „Die Frage ist, wie wir Erinnerung, Zivilcourage
und Demokratie heute konkret weitertragen und verteidigen“, so Bayr.
Zwtl.: Käthe Sasso im historischen Kontext
In der Gesprächsrunde „Wer war Käthe Sasso?“ zeichneten Brigitte
Fenko, ORF-Mitarbeiterin a.D. und langjährige Lebensfreundin von
Käthe Sasso, sowie Dr.in Karin Moser, Medienhistorikerin und
stellvertretende Direktorin der Wiener Bildungsakademie, ein
eindrucksvolles Bild der Nachkriegszeit. Sie zeigten, wie die
anfängliche Entnazifizierung rasch in den Hintergrund trat und der
sogenannte Opfermythos zur Verdrängung beitrug. Überlebende wurden
häufig marginalisiert und zum Schweigen gedrängt. Käthe Sasso
hingegen blieb standhaft, berichtete öffentlich und setzte sich
unermüdlich für Aufklärung ein. „Erinnerung war lange von Verdrängung
geprägt – und Zivilcourage bedeutete oft, überhaupt gehört zu
werden.“
Zwtl.: Erinnerung als demokratischer Prozess
Mag.a Nina Abrahamczik, Abgeordnete zum Wiener Landtag und
Vorsitzende des Gemeinderatsausschusses u.a. für Demokratie, sowie
Nikolaus Kunrath, Bezirksrat und ehemaliger Landtagsabgeordneter,
widmeten sich den „Herausforderungen der Erinnerungskultur“. Dabei
wurde deutlich, dass Erinnerung kein statischer Zustand ist, sondern
ein aktiver gesellschaftlicher Prozess. Besonders wichtig sei es,
auch bisher wenig sichtbare Opfergruppen einzubeziehen und
gesellschaftliche Aushandlungsprozesse zu fördern. „Erinnerungskultur
ist kein abgeschlossener Zustand, sondern ein aktiver,
gesellschaftlicher Prozess.“
Zwtl.: Zivilcourage als Auftrag
Christa Bauer, MAS, Geschäftsführerin des Mauthausen Komitees
Österreich, sowie Mag.a Marie Lercher, Teilnehmerin des Käthe-Sasso-
Lehrgangs, betonten die zentrale Rolle von Zivilcourage als
Vermächtnis der Überlebenden und als Auftrag für die Gegenwart.
Bildungsarbeit, Engagement und persönliches Handeln seien
entscheidend, um demokratische Werte zu sichern – insbesondere
angesichts zunehmender rechtsextremer Vorfälle. „Es liegt an uns
allen, Zivilcourage zu zeigen und Verantwortung für die Demokratie zu
übernehmen.“
Zwtl.: Grußworte und internationale Perspektive
In einer Videobotschaft würdigte die Salzburger Landeshauptfrau
Mag.a Karoline Edtstadler Käthe Sasso als außergewöhnliche
Persönlichkeit, die sie auch persönlich kennenlernen durfte. Sie hob
deren Mut und Menschlichkeit hervor und unterstrich die
Verantwortung, dieses Vermächtnis in herausfordernden Zeiten
weiterzutragen: „Es ist unsere Aufgabe, ihr Vermächtnis
weiterzutragen und für Menschlichkeit und Demokratie einzustehen.“
Zwtl.: Demokratie unter Druck – neue Herausforderungen
In der abschließenden Gesprächsrunde diskutierten der ehemalige
Chefredakteur Dr. Herbert Lackner sowie der SPÖ-
Bundesbildungsvorsitzende und Dritte Wiener Landtagspräsident Prof.
Dr. Gerhard Schmid über aktuelle Gefährdungen der Demokratie. Lackner
verwies auf politische Entwicklungen sowie den zunehmenden Einfluss
wirtschaftlicher Macht auf Medien und Politik. Schmid ergänzte, dass
Demokratie kein Selbstläufer sei, sondern aktiv gestaltet werden
müsse: „Demokratie muss ständig in Bewegung gehalten und aktiv
verteidigt werden.“
Darüber hinaus warnte Schmid vor einer neuen strukturellen
Gefahr: einer Verbindung von wirtschaftlicher Macht und politischem
Einfluss, die er als „eine Art oligarchischer Kapitalismus“
beschreibt. Dieser stelle eine „extreme Bedrohung der Demokratie“
dar. Als zentrale Antwort forderte er verstärkte Bildungsarbeit sowie
einen breiten gesellschaftlichen Schulterschluss: „Wir müssen in
Bildung investieren“ und „einen Schulterschluss aller weltoffenen,
liberalen und humanistischen Kräfte herbeiführen.“ Orientierung biete
dabei das Vermächtnis Käthe Sassos – „Zivilcourage und
Hartnäckigkeit“ als Auftrag, „dranzubleiben und sich am Ende
durchzusetzen“.
Zwtl.: Gemeinsamer Auftrag für die Zukunft
Das Symposium machte deutlich: Erinnerung, Zivilcourage und
Demokratie sind untrennbar miteinander verbunden. In einer Zeit
wachsender Herausforderungen braucht es Engagement, Bildung und
Zusammenhalt. Käthe Sasso bleibt dabei eine zentrale Orientierung –
als Mahnerin, als Vorbild und als Auftrag für kommende Generationen.
Abschließend wurde zum weiteren Austausch eingeladen.
Ein besonderer Dank gilt den Mitwirkenden und
Partnerorganisationen – darunter die SPÖ-Bildung, die Wiener SPÖ-
Bildung, das Karl-Renner-Institut und die Wiener Bildungsakademie –
und allen Unterstützer:innen hinter den Kulissen sowie Kurt Brazda,
der seinen Film im Auftrag des WIFAR umgesetzt hat:
https://www.film.at/erschlagt-mich-ich-verrate-nichts-kaethe-s
(Schluss) bj
