Coface-Studie: KI mit Auswirkungen auf hochqualifizierte Jobs

Wien (OTS) – Drei Jahre nach dem Durchbruch generativer KI mit
ChatGPT zeigt sich,
dass Künstliche Intelligenz die Struktur moderner Arbeitsmärkte
grundlegend verändern könnte. Eine aktuelle Studie des
internationalen Kreditversicherer Coface zeigt, dass die nächste
Entwicklungsstufe der KI über bisherige Automatisierungsmuster
hinausgeht. Neue Systeme unterstützen nicht nur, sondern ganze
Arbeitsabläufe können selbstständig übernommen werden. Damit geraten
komplexe kognitive Tätigkeiten zunehmend in den Fokus. Die Studie
analysiert die Automatisierbarkeit von 923 Berufen in fast 30 Ländern
und macht Unterschiede zwischen den Arbeitsmärkten deutlich. „KI
verschiebt den Arbeitsmarkt von Quantität zu Qualität. Unternehmen
sichern mit einem klugen Einsatz von KI ihre Wettbewerbsfähigkeit,
entlasten ihre Talente und werten ihre Kompetenzen auf“ , sagt Dagmar
Koch, Country Managerin Coface Österreich und ergänzt: „KI ist die
Antwort auf unseren Fachkräftemangel. Sie stärkt die Produktivität
der Mitarbeiter und macht Wachstum besser planbar.“

Die Untersuchung, die Coface zusammen mit dem Observatoire des
Emplois Menacés et Émergents (OEM) durchgeführt hat, basiert auf
einer neuen Methodik, die Berufe bis auf ihre elementaren
Einzelaufgaben herunterbricht. Jede Aufgabe wird in einzelne Schritte
zerlegt und nach klar definierten, reproduzierbaren Kriterien
bewertet. Dieser granulare Ansatz ermöglicht eine präzisere
Einschätzung der technologischen Automatisierbarkeit einzelner
Tätigkeiten. Die Analyse wurde auf knapp 30 Länder ausgeweitet und
zeigt damit ein umfassendes Bild internationaler Arbeitsmärkte.
„Dabei geht es um die technische Machbarkeit von Automatisierung und
nicht darum, wie viele Arbeitsplätze am Ende tatsächlich wegfallen
oder neu entstehen“ , sagt Aurélien Duthoit, Volkswirt bei Coface und
Co-Autor der Studie.

Die nächste Automatisierungswelle trifft Köpfe, nicht Hände

Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Wandel in der Art der
Automatisierung. Während frühere Technologiewellen vor allem
körperliche Tätigkeiten und später repetitive Routinearbeiten im Büro
betrafen, richtet sich der Fokus agentenbasierter KI zunehmend auf
datenbasierte, analytische und informationsintensive Arbeitsinhalte.
Diese Systeme können nicht mehr nur einzelne Arbeitsschritte
unterstützen, sondern ganze Abläufe eigenständig ausführen. Daher
werden Berufsfelder wie das Ingenieurwesen, IT, Recht, Finanzen,
Verwaltung sowie kreative und analytische Tätigkeiten verändert.

„In dieser zweiten Phase der KI-Entwicklung weist rund jeder
achte Beruf einen Automatisierbarkeitsanteil von über 30 Prozent auf.
Das ist ein Hinweis darauf, dass diese Bereiche vor einer
tiefgreifenden Transformation stehen“ , sagt Aurélien Duthoit.
Deutlich robuster bleiben dagegen Tätigkeiten, die stark an physische
Präsenz, manuelle Fähigkeiten oder echte zwischenmenschliche
Interaktion gebunden sind: Handwerk, Pflege, Gastronomie oder
persönliche Dienstleistungen gelten heute als vergleichsweise
widerstandsfähig gegenüber KI-gestützter Automatisierung.

Zwischen den Ländern variiert der Einfluss von KI-gestützter
Automatisierung deutlich: Der Anteil potenziell automatisierbarer
Arbeitsinhalte reicht von rund 12 Prozent in der Türkei bis fast 20
Prozent im Vereinigten Königreich. Diese Unterschiede hängen mit der
Wirtschaftsstruktur der jeweiligen Länder zusammen – sie bestimmt,
welche Arten von Tätigkeiten besonders häufig vorkommen und damit
auch, wie groß der Anteil der grundsätzlich automatisierbaren
Aufgaben ist.

Österreich im Industrie-Cluster

Österreich liegt mit 16 Prozent über dem Durchschnitt und bildet
gemeinsam mit Tschechien, der Slowakei, Slowenien und Deutschland ein
industriell geprägtes Cluster. Der Anteil an Tätigkeiten im
Ingenieurwesen, in der industriellen Fertigung, bei technischen
Dienstleistungen, in Forschung, öffentlicher Verwaltung und im
Bildungssektor prägt einen Arbeitsmarkt mit vielen
informationsintensiven und koordinierenden Aufgaben – genau jene
Tätigkeiten, die besonders für die KI-Unterstützung oder –
Automatisierung geeignet sind. Zugleich ist der Anteil stark
dienstleistungsorientierter, managementlastiger oder IT-intensiver
Funktionen geringer als in Ländern wie den Niederlanden oder dem
Vereinigten Königreich. Österreich zählt daher nicht zu den
Arbeitsmärkten Europas, die am stärksten von KI-getriebenen
Veränderungen betroffen sind.

Die Konsequenzen: KI verändert Wertschöpfung, Bildung und
Abhängigkeiten

Die Autoren betonen, dass die Auswirkungen weit über die
Arbeitswelt hinausreichen. Da agentenbasierte KI vor allem gut
bezahlte, hochqualifizierte Tätigkeiten betrifft, werden grundlegende
wirtschaftliche und soziale Gleichgewichte beeinflusst. Immer mehr
Wertschöpfung könnte nicht mehr durch menschliche Arbeitsleistung,
sondern durch KI-basierte Prozesse und die dahinterstehenden
Investitionen erzeugt werden. Staaten mit stark arbeitsbezogenen
Steuersystemen stünden damit vor einer doppelten Herausforderung:
sinkende Einnahmen und zugleich steigende Ausgaben für soziale
Sicherung, Qualifizierung und berufliche Anschlussperspektiven.

Zudem gibt es Auswirkungen auf das Bildungssystem. „Wenn
klassische akademische Laufbahnen nicht mehr automatisch berufliche
Sicherheit bieten, gewinnen Kompetenzen wie kritisches
Urteilsvermögen, Anpassungsfähigkeit und der Umgang mit komplexen KI-
Systemen an Bedeutung. Hochschulen und berufliche
Bildungseinrichtungen werden ihre Programme stärker auf Fähigkeiten
ausrichten müssen, die KI sinnvoll ergänzen, statt mit ihr zu
konkurrieren“ , erklärt Aurélien Duthoit.

Hinzu kommen neue geopolitische und operative Abhängigkeiten.
Schlüsselressourcen wie Halbleiter, Rechenzentren oder die Modelle
selbst sind global stark konzentriert. Dies erhöht die Anfälligkeit
gegenüber externen Schocks wie Exportbeschränkungen, regulatorischen
Veränderungen und globalen Lieferkettenrisiken. Während KI das
Potenzial hat, erhebliche Produktivitätsgewinne zu erzeugen,
entstehen gleichzeitig neue strukturelle Verwundbarkeiten.

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